Pizzeria Paradiso

Carlo Ventuzzi siedelte mit seiner Familie von Süditalien in eine bayerische Kleinstadt um, weil es in seiner Heimat keine Arbeit gab. Er hatte keine besonderen beruflichen Qualifikationen, auch beherrschte er die deutsche Sprache nur mangelhaft, deshalb machte er in der neuen Heimat das naheliegende: Er übernahm ein leerstehendes Lokal und nannte es Pizzeria Paradiso. Allerdings hatte er nicht bedacht, dass die Kleinstadt bereits über ein italienisches Lokal verfügte, dass zum Stolz der Bewohner, die sich immer etwas im Hintertreffen gegenüber der großen Stadt sahen, durchaus auf städtischem Niveau mithalten konnte. Trotzdem wollte man dem Neuen eine Chance geben und zur Eröffnung war Ventuzzis Pizzeria bis auf den letzten Platz besetzt. Es war dies jedoch das erste und das letzte Mal. Die Speisen der Pizzeria Paradiso hielten bei weitem nicht, was der Name versprach. Pizzen waren an den Rändern verbrannt, Nudeln pampig und mit faden Saucen, das Fleisch noch streng nach zu langer Lagerung und Fisch gab es ohnehin nicht. Hinzu kam, dass die Ventuzzis aufgrund der geringen Sprachkenntnisse Bestellungen verwechselten und sich im korrekten Addieren der Preise schwertaten. Nur wenige Besucher gaben dem Lokal eine zweite Chance und als die ebenso verheerend ausfiel, verirrten sich nur noch Touristen ins Paradiso.

Umso verblüffter waren die Kleinstädter als Ventuzzi eines sonntags mit einem Audi TT Cabrio die Hauptstraße entlang fuhr. Rauf und runter, rauf und runter. Dabei begrüßte er die Besucher der Straßencafés mit Handzeichen, aber nur die wenigsten grüßten zurück. Trotzdem erregten seine sonntäglichen Fahrten Aufsehen. Die Leute fragten sich, woher Ventuzzi das Geld hatte, um sich einen solchen Wagen zu leisten. Niemand ahnte, dass er den Audi in einer Lotterie gewonnen hatte. Seine Frau beschwor ihn, das Auto zu verkaufen und mit dem Geld den Standard der Pizzeria zu verbessern. Aber der Wagen war Ventuzzis ganzer Stolz, auch wenn das Benzingeld nur für seine demonstrativen Fahrten reichte.

Die Honoratioren der Kleinstadt waren beunruhigt. Als erster sprach der Lebensmittelhändler Bleichmann von Geldwäsche und Mafia. Der Metzger Vinzenz Lichter, der Apotheker Mühlhofer und andere tragende Säulen der Kleinstadt stimmten ihm zu. Wenn Ventuzzi sonntags seine Runden drehte und freundlich grüßte, grüßten auch sie nun zurück, wenn auch zögernd. Es war bisher zwar nichts passiert, was den Verdacht von Mafia und Geldwäsche erhärtet hätte, aber man konnte ja nie wissen. Besser jetzt freundlich lächeln als hinterher in einem Betonloch zu verschwinden. Ganz kampflos wollte sich die gehobene Gesellschaft jedoch nicht ergeben. Man beauftragte Bleichmann, den Lebensmittelhändler, heimlich Kontakt zur örtlichen Polizei aufzunehmen, um Ventuzzi und seine Sippe auf mögliche Straftaten zu durchleuchten. Die Recherchen waren ergebnislos. Was hatte dieser kleinwüchsige, glanzköpfige Pizzafritze vor? Welches Spiel spielte er? Konnte man ihn unter irgendeinem Vorwand wieder aus der Stadt vertreiben?

Hätte man geahnt, dass die Ventuzzis wegen Geldnot kurz davor standen wieder nach Italien zurückzukehren, die kleinstädtische Ruhe und Beschaulichkeit hätte ihre Wiederauferstehung gefeiert. Aber das strikte Beharren des Vaters, mit dem Audi in sein Heimatdorf zurückzukehren und mit seinen Erfolgen in Germania zu prahlen, hatte die Familie tief entzweit. Die letzten finanziellen Reserven für Benzin zu verschwenden, stieß bei Ventuzzis Söhnen auf erbitterten Widerstand. Sie weigerten sich, per Anhalter zu reisen, weil in das Coupé nur Ventuzzi und seine Frau passten. Mittlerweile mussten sie sogar die Pasta in Gleichmanns Lebensmittelladen kaufen. Solche Dienste übertrug Ventuzzi aus Scham seinem Sohn Raffaele. Als der Lebensmittelhändler Raffaele mit zwei Päckchen Spaghetti an der Kasse sah, war ihm klar, dass jetzt die Aufforderung kam, sich unter den Schutz der Familie Ventuzzi zu begeben und zu zahlen. Aber nichts geschah. Raffaele zog mit seinen Spaghetti wortlos von dannen.

In der Nacht jedoch gab es einen Kabelbrand im Lager des Geschäfts, der einigen Schaden anrichtete. Jetzt war Bleichmann alles klar. Das war eine Aufforderung, bei Ventuzzi vorstellig zu werden. Immerhin hatten sie ihm keine tote Katze vor den Eingang gelegt. Bleichmann recherchierte im Internet über die Methoden der Mafia, erfuhr, dass man das Schutzgeld Pizzo nannte und es etwa 10 % des Umsatzes betrug. Er las auch, was bei Weigerung drohte. Man fackelte seinen Laden ab, lockerte die Radmuttern an seinem Auto, oder – schlimmstenfalls – entführte man die Ehefrau und schickte ihren abgehackten Ringfinger per Post als Ultimatum. Kurz dachte er darüber nach, wieder auf der Polizeidienststelle vorstellig zu werden. Aber dort waren nur drei Polizisten stationiert. Wie sollte ihn da jemand rund um die Uhr schützen? Das Beste war zu zahlen, die 10 % konnte man irgendwie über höhere Preise wieder erwirtschaften.

An einem Sonntag, nachdem Ventuzzi seine Runden gedreht hatte, machte sich Bleichmann auf zur Pizzeria Paradiso. Schon von außen sah er, dass niemand im Lokal saß. Aber er wollte sichergehen und vor allem nicht gesehen werden. Bleichmann ging um das Haus herum, wo sich der Hintereingang mit der Küche befand und klopfte vorsichtig ans Fenster. Niemand kam. Er klopfte noch einmal, diesmal lauter. Ventuzzi erschien, sah den Lebensmittelhändler und zeigte sein strahlendstes Lächeln. Er öffnete das Fenster und rief: „Venga, Venga Signor Bleichmann. Kommen Sie, kommen Sie. Essen Sie mit uns zu Abend.“
Der Lebensmittelhändler schreckte zurück, dachte dann aber, dass es unklug wäre die Einladung abzulehnen. Ventuzzi könnte es als Affront auffassen. Also aß er mit der Familie zu Abend und musste feststellen, dass die Pasta mit frischen Kräutern, die offenbar aus dem Garten stammten, vorzüglich schmeckte. Für sich selbst konnten sie also durchaus gut kochen, diese Halunken. Mehr denn je war er davon überzeugt, dass Ventuzzi ein Mafioso war.

Nach dem Essen verschwanden die Söhne, Signora Ventuzzi räumte die Teller ab und verzog sich ebenfalls. Jetzt war der richtige Zeitpunkt gekommen, dachte Bleichmann. Es war ein merkwürdiges Gefühl, einem echten Mafioso gegenüber zu sitzen. Dabei deutete nichts an Ventuzzis Erscheinung darauf hin. Weder trug er eine Waffe noch hatte er diesen düsteren Blick, den der Lebensmittelhändler aus dem Fernsehen kannte, wenn sie dort einen Mafia-Krimi zeigten. Im Gegenteil, Ventuzzi lachte viel und herzlich, vielleicht auch weil er nur die Hälfte verstand. Aber das war natürlich nur Tarnung. Bleichmann wollte die Sache möglichst schnell hinter sich bringen, legte das Kuvert mit dem Geld auf den Tisch, sah Ventuzzi an und sagte nur: „Pizzo.“
Sein Gegenüber hörte auf zu lächeln, wechselte ins beschwörende, hob die Hände und rief: „No, no, heute nix Pizza. Keine Gast, siehst du.“ Dabei zeigte er zum Lokal. Bleichmann ließ sich nicht täuschen. Natürlich wollte Ventuzzi die Dinge nicht beim Namen nennen. Er überlegte einen Moment, dann radebrechte in Ventuzzis gebrochenem Deutsch: „Iste füre dich, von uns.“ Dabei deutete er mit ausgestreckten Armen die Bewohner der Kleinstadt an. Zögernd öffnete Ventuzzi das Kuvert, sah die Geldscheine und schüttelte den Kopf. „No, no.“ Verdammte Halunke dachte der Lebensmittelhändler und sagte: „Iste nicht genug?“ Ventuzzi sah ihn verdattert an und fragte: „Warum?“
Was sollte diese Fangfrage? „Nächste Mal mehr.“ Bleichmann stand auf, hielt Ventuzzi die Hand hin und sagte: „O. k. Freund?“ Da der sprachlose Ventuzzi nicht antwortete, deutete der Lebensmittelhändler das als Zustimmung und verabschiedete sich schnellstens.

Am nächsten Sonntag, die Honoratioren der Kleinstadt saßen wieder in ihrem Lieblingscafé, ließ Ventuzzi einmal den Motor aufheulen als er an ihnen vorbeirollte und winkte ihnen zu. Alle winkten zurück. Der Lebensmittelhändler berichtete von seinem Besuch Ventuzzi und die Versammlung kam zu der Überzeugung, dass es das Beste sei, wenn nach und nach jeder von ihnen in der Pizzeria vorsprach und seinen Pizzo entrichtete. Man legte eine Reihenfolge fest und beschloss ansonsten über die ganze Angelegenheit zu schweigen. Jeden Sonntag tauschten die Herren sich über ihre Erfahrungen aus und einigten sich als weitere Geste guten Willens gelegentlich in der Pizzeria Paradiso zu essen. Das Angebot und die Qualität der Speisen hatten sich mit der Zeit deutlich verbessert, sodass man bei allen Vorbehalten von einer win-win–Situation sprechen konnte. Keinerlei Vorfälle waren meh passiert und allmählich legte sich wieder der Finsternis der Behäbigkeit über die Kleinstadt. Nur einmal glimmte der Widerstand gegen Ventuzzi nochmal auf. Das war als er eines sonntags mit einem Porsche Cabrio die Hauptstraße auf und ab fuhr.
„Das ist unser Geld“, empörte sich der Metzger. Aber er beruhigte sich wieder als Ventuzzi 3000 Schweinswürste bei ihm bestellte und sie für die Weihnachtstombola stiftete. Und im Jahr darauf erwog man sogar die Ehrenbürgerwürde für ihn, weil er die Trikots des Fußballvereins der Kleinstadt sponserte. Die Pizzeria Paradiso war ein viel besuchtes Lokal, in dem man inzwischen vorzüglich speisen konnte und jeder, der einen Platz ergatterte, konnte seinen Bekannten am nächsten Tag zuraunen: „Gestern war ich bei meinem Italiener, einem echten Mafioso, zum Essen.“

Eines sonntags, viele Jahre später, wartete man vergeblich auf die rituelle Fahrt Ventuzzis im Porsche Cabrio. War er krank? Womöglich von einem anderen Mafioso erschossen? Ein Bandenkrieg? Drohte jetzt alles wieder von vorne zu beginnen mit einem neuen, strengeren Mafiaboss?
Beunruhigt machten sich die Herren auf zur Pizzeria. Das Lokal war geschlossen, der Porsche verschwunden, kein Ventuzzi weit und breit. Der weilte unterdessen in seinem Heimatdorf in der neu erbauten Villa und feierte mit allen Bewohnern seine Rückkehr in die Heimat. Und jedem, der es hören wollte, schwärmte er von der Großzügigkeit der Menschen in Germania vor, die ihm, dem Sohn eines armen Tagelöhners, zu Wohlstand und Ansehen verholfen hatten.
In der Kleinstadt indes kehrte die gewohnte Eintönigkeit und Langeweile zurück. Der Gesprächsstoff beim Sonntagscafé versiegte mangels interessanter Ereignisse. Und wenn der Bürgermeister in seinem Volvo Kombi vorbeifuhr, blickte man nicht einmal auf. Das hatte einfach keinen Stil.

Helmut Michael Schmid

Veröffentlicht in Autor*Innen Für Europa.