Mit Ubuntu Tür an Tür

Heißer Morgen, August 2021. Meine Pflanzenkinder auf der Dachterrasse, die Hortensien, Geranien, Rosen, Tagetes und der kleine Zitronenbaum sind durstig. Ich gieße sie und denke an meine Fahrt gestern in die Innenstadt. Die Bahnen rappelvoll, vor allem rund um die Trabantenstadt. Viele Menschen aus dem Nahen Osten und aus Afrika. Die städtischen Mülleimer quellen über. München ist voller Baukräne. Wohnungsverdichtung!
Dann hängen meine Gedanken an der Radiosendung über Afrika. Neu für mich ist der Begriff Ubuntu, den ich gleich in Google eingebe und fündig werde.

Vor fünfzehn Jahren zogen Eckhart und ich in dieses neu gebaute, elegante Haus im „Speckgürtel“ von München, einer Gemeinde mit vielen Akademikern in großzügigen Häusern mit gepflegten Gärten. Damals waren fast alle Nachbarn deutscher Herkunft, einige davon sind weggezogen. Seit sechs Jahren leben hier eine italienische, eine deutsch-türkische Familie und jetzt noch unsere Nachbarn aus Afrika: urbaner Mikrokosmos, Globalisierung.

Es klingelt an der Wohnungstüre. Ich öffne, vor mir stehen ein Mann und eine hochschwangere Frau, beide dunkelhäutig, ein Kleinkind und ein Teenager mit etwas hellerer Hautfarbe. „Können Sie ein Maßband leihen? Wir werden neue Nachbarn, wollen checken, wohin Möbel passen.“ Natürlich bekommen sie es. Wir freuen uns über die baldige Wärme in der Wohnung, die schon länger leer steht. Mein Mann Eckhart: „Mary, ich sag´s dir gleich, unsere Ruhe ist dahin, ich kenne die Lebensart von Afrikanern.“ Darauf ich: „Was meinst du damit?“

Einige Wochen später klopft es heftig an der Wohnungstüre. Der neue Nachbar, noch ohne Namen, ist aufgeregt, seine Augen rotieren, die weißen Zähne strahlen. „Wo wohnt der Nachbar mit Piercing, wie heißt er?“ Es platzt aus ihm heraus: „Ich war arbeiten, dann meine Frau hat heute in seinem Auto auf Fahrt zum Krankenhaus das Kind bekommen. Wieder ein Mädchen, ich will danke sagen.“
Ich gratuliere ihm zur Vaterschaft und wünsche Frau und Kind alles Gute. Dabei denke ich an die geplatzte Fruchtblase, an Blut und Placenta im schicken Sportwagen des punkigen Nachbarn. Tage danach erzählt mir der unfreiwillige Geburtshelfer auf der Treppe, er wisse nun, wie das so abläuft, wenn neue Menschlein zur Welt kommen. Sein Auto befinde sich noch in einer Spezialreinigungsfirma.

Als ich die Terrasse von Herbstblättern befreie, steht der neue Nachbar auf seiner, uns trennt nur die abgeschrägte Mauer. Er lächelt mich an und sagt: „Madam, mein Name ist Taio, wir kommen aus Nigeria, der Stadt Lagos, twenty million citizen, oh, oh! Auch meine Frau Victoria und kleine Tochter Okuhle.“ „Freut mich, so interessante Nachbarn zu haben. Ich stamme aus Bayern und heiße Maria.“ Wir reichen uns die Hände. „Wie geht es dem Baby, wie heißt es?“ „Geht gut, geht gut, ihr Name Lesedi.“ „Sie haben noch eine Teenager-Tochter?“ „Ja, ihr Name Amahle, wollen viele Kinder, wie mein Papa in Nigeria.“ Er grinst. „Nein, ist Spaß. Hat achtundzwanzig Kinder und viele, viele Frauen, oh, oh“. „Und mein Papa in Bayern hat insgesamt fünfzehn Kinder mit drei Frauen, oh, oh.“ Wir lachen. Er habe eine Kanal- und Rohrreinigungsfirma, gute Firma, gute Mitarbeiter. Seine Frau Victoria gesellt sich zu uns. Sie lächelt und versteht offensichtlich nicht, was wir reden.
Vor kurzem dachte ich, Taio habe zwei Frauen: eine, deren Haare kurz geflochten am Kopf anliegen, die attraktiv, farbenfroh afrikanisch gekleidet ist und eine mit geglättetem, halblangem, leicht gewelltem Haar, die in Hosen und klassischen Sakkos unterwegs ist. Inzwischen weiß ich, es ist immer Victoria.
Am Silvestervortag klingelt Taio und hält Eckhart eine Flasche Wein aus Südafrika ins Gesicht. Er lädt uns zu seiner Silvesterparty ein. Es würde viel Fleisch gebraten, es kämen viele Freunde, sagt er. Wir sind Vegetarier und vergleichsweise uralt. „Danke für die Einladung, wir diskutieren noch, ob wir kommen können.“ „Wäre doch mal interessant zu sehen, wie Menschen aus Nigeria den Jahreswechsel feiern und wir mit ihnen.“ Eckhart meint, er kenne Afrikaner aus seinem mehrjährigen Aufenthalt in Südafrika. Wenn wir morgen mitfeierten, würde das nachbarliche Verhältnis gleich zu eng. Besser sei es, Distanz zu halten. Schade und doch wird mir sonderbar bei der Vorstellung, wir würden mi all den jungen, dunkelhäutigen Menschen feiern.

Statt die Einladung anzunehmen, gehen wir in ein klassisches Konzert: Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Als wir heimkommen, ist nebenan Tohuwabohu.
Viele Menschen gehen ein und aus.. Afrikanische Musik mit Trommeleinlagen wummert durch das Gemäuer: Highlife, Westafrika lässt grüßen! Ein Lachen, Singen und rhythmisches Gruppenstampfen. Es geht bis acht Uhr morgens.

Im März. Es ist der erste warme Tag, der Himmel blau. Nach dem düsteren Winter bricht sich die Lebenslust bahn, sogar bei mir. Inzwischen haben Taio und seine Mitarbeiter den Terrassenboden mit Holzbohlen ausgelegt und den Außenbereich im Trend möbliert. Auch ich genieße lesend den frühen Sonnentag, doch die extrem laute afrikanische Musik von nebenan verändert meinen Herzschlag. Sie verabschieden wohl den Winter und begrüßen schon den Sommer? Die sommerlichen Lesestunden draußen am Dach, mit der Hölderlin-Biografie von Safranski, werden ziemlich unkonzentriert ablaufen. Was tun? Die Villenbesitzer drüben beschweren sich bereits über die afrikanische Musik.

Im Frühsommer höre ich Victoria, die sich in ihrer Sprache am Smartphone unterhält, das Baby Lesedi, das wunderbare, zufriedene Laute von sich gibt und dazwischen immer wieder das „Maama, Maama, Maama“ der zweijährigen Okuhle, so liebevoll und sehnsüchtig. Ich unterbreche das Hochbinden der blau blühenden Prunkwinde am Bambustrapez, kann meine Neugierde nicht zügeln und werfe einen Blick über die Mauer. Da sitzen Victoria, neben ihr das nackte Baby – mir fällt die Kinderfreundin Elfriede ein, die so stolz auf ihre „Negerbabypuppe“ war, wie es damals hieß – und Okuhle, die sich zwischen die Beine der Mutter schmiegt. Lächelnd grüße ich hinüber: „Oh, happy family, have a nice day!” Victoria schaut wortlos, erschrocken herüber.
Als es die ersten Selbstpflücker-Erdbeeren gibt, belegen wir Törtchen, nehmen eine Schale mit Schlagsahne und kräftigen Kaffee und raus auf die Terrasse. Prachtvoller Tag! Nebenan hören wir bereits nach und nach die Besucher ankommen. Nigerianische Musik wird laut gestellt und der Grill direkt an der angrenzenden Mauer angeworfen. Beim Versuch, unsere Törtchen zu genießen, werden wir gleich von giftig stinkenden Rauchschwaden eingenebelt: Fisch und Fleisch brutzeln gnadenlos vor sich hin. Wir klappern mit Geschirr und Besteck, wir hüsteln, wir röcheln. Wir lassen uns hier nicht vertreiben, das wäre ja noch schöner. Der Qualm lässt nicht nach. Wir werden ungehalten, dann ärgerlich. Was tun? Es hinnehmen, sich in die Wohnung zurückziehen? Der Rauch wird immer heftiger und zieht seit einer Stunde geradewegs auf uns zu. Mein Zorn ist nicht zu bremsen. Erst schimpfe ich laut: „So eine unverschämte Sauerei. Was denken die sich denn, ich flippe gleich aus!“ Eckhart meint beruhigend: „Dann gehen wir halt ins Wohnzimmer.“ Wir flüchten. Zwecklos, die Rußwolken ziehen durch den Jalousiekasten herein. Die Giftwolken sind inzwischen kompakt und bösartig. Wir sehen weder den Eichenbaum noch das Dach der Villa. Das geht nun bereits über zwei Stunden so. „Sollen wir die Feuerwehr rufen, das Grillfeuer ist bestimmt außer Kontrolle geraten, vielleicht brennt bereits der holzige Boden?“ Meine Wut kennt kein Halten mehr. Draußen strecke ich meinen Kopf über die Mauer, ein dunkelhäutiger Mann steht am Grill. Im Rauch erkenne ich nicht, ob es sich um Taio oder einen anderen Mann handelt. Egal, scheißegal! Ich schreie: „Hören Sie sofort auf damit, gehen Sie an die Isar zum Grillen oder sonst wo hin. Wir sind alte Leute und wollen ohne Giftwolken unseren Kaffee trinken.“ Dann erkenne ich den fremden Mann, den ich angebrüllt habe. Taio kommt. Auch ihn schreie ich an. Seine Augen treten hervor, er hebt ein großes Messer und eine Gabel gekreuzt über seinen Kopf, so als wolle er den Krieg erklären und gleich auf mich losgehen. Eckhart beruhigt: „So geht das nicht, schafft euch doch einen Elektrogrill an.“ Wir ziehen uns zurück. An der Tür klingelt es mehrmals Sturm. Wir öffnen nicht, um einer gewalttätigen Auseinandersetzung vorzubeugen. Mir fällt jetzt das beliebte Spiel der Kindheit ein: „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?“ Draußen qualmt es noch lange.

Eine Woche danach klingelt Taio, ich öffne die Tür. Sofort umfasst er meine beiden Arme, die schreien „Halt, Stopp“, ich sage nichts, trete einen Schritt zurück. Corona bedingte Schutzdistanz, eine Maske tragen, scheint für ihn nicht zu gelten „Entschuldigung Madam, für Qualm, meine Frau ist schuld, hat Fleisch und Fisch mariniert.“ „Ich heiße Maria und nicht Madam. Wir sagen du zueinander, okey? Auch ich entschuldige mich, hab erst später daran gedacht, wie peinlich das für deine Gäste und dich war. Aber ihr habt unseren schönen Nachmitttag einfach so zerstört durch den giftigen Rauch, den Lärm und der lauten Musik und mit euren vielen Gästen, das schaffen wir einfach nicht. Wenn ihr demnächst wieder mal groß feiern wollt, dann sagt uns doch bitte zwei Tage vorher Bescheid, damit wir uns darauf einstellen können“. „Okey, abgemacht“. „Wo hast Du eigentlich so gut Deutsch gelernt? Er strahlt mich an. „In Nigeria auf deutscher Missionsschule, dann hier viele Kurse und deutsche Liebe.“ „Taio, ich mag Kinder sehr gerne und freue mich immer, wenn ich sie nebenan höre. Ich verstehe, dass ihr hier gerne Musik aus der Heimat hört und ihr euch mit Freunden treffen wollt, doch alles etwas leiser, bitte!“ Alles klar, ich solle ab jetzt bei zu lauter Musik immer gleich Bescheid sagen.
Beinahe hätte ich jetzt vergessen, von Eckhart und Taio auf dem Parkplatz zu erzählen. Taio war da gar nicht gut auf mich zu sprechen, behauptete, ich hätte gesagt, sie sollen in ihr Land zurückgehen. Das sei Rassismus. Eckhart schlagfertig: „Das ist nicht Rassismus, das ist Schutzissmus.“ Er beruhigt den Nachbarn, betont, so etwas hätte ich bestimmt nicht gesagt und empfiehlt erneut die Anschaffung eines Elektrogrills. Das kann er so gut, mein Eckhart.

Eine Woche danach, noch immer schöne, trockene Tage. Wieder der samstägliche Kaffee auf der Terrasse. Und wieder wird nebenan der Grill angeworfen, wieder kommen viele Gäste. Wieder kommt dichter, toxischer Rauch direkt auf uns zu. Ich schimpfe laut, fliehe in die Wohnung, knalle die Türe zu. Insgeheim höre ich meinen Sohn, in gewaltfreier Kommunikation trainiert, sagen: „Mama, wie kannst Du nur! Seid doch froh, mit den neuen Nachbarn habt ihr jetzt immer Unterhaltung!“ „Muss nicht sein, mein Inneres ist aufregend genug, lieber Sohn!“ Es klingelt. Eckhart öffnet. Ich liege beleidigt auf dem wuchtigen roten Ledersofa.

Taio rauscht wie eine Rakete an meinem Liebsten vorbei, wirft sich augenblicklich vor mir auf die Knie, hält seine gefalteten Hände vors Gesicht: „Entschuldigung, Entschuldigung, Madam.“ „Steh auf, ich ertrage das nicht, ich bin die Maria, wir hatten eine Vereinbarung, du weißt?“ Ich stehe auf, er steht dicht vor mir. „Spontan, spontan, Schwester hat Geburtstag!“ „Wir wollen gut mit euch leben, aber bitte nicht so!“ So rasant er in unsere Wohnung hinein rauschte, so fluchtartig verließ er sie wieder.

Seither wirkt Taio verändert. Eckhart meint, er ist zurückhaltender, ruhiger, erwachsener, was auch mir auffällt. Eckhart kommt von der Arbeit. „Du, da ist eben ein elegant gekleideter Afrikaner in dunkelblauem Anzug mit weißem Hemd und roter Krawatte vor mir die Treppe hoch. Er hatte einen teuren Aktenkoffer dabei und ging zu unseren Nachbarn.
Wir erinnern uns an die vielen Mails aus Afrika, in denen uns dubiose finanzielle Transaktionen angeboten wurden. „Er wird doch nicht etwa?“ Danach verfallen unsere Nachbarn in einen Kaufrausch. Nein, nein, wir liegen nicht auf der Lauer, was die Nachbarn so machen, sondern unser Küchenfenster, darunter die Arbeitsplatte, lässt den Blick auf die Wohnungstür von Taio und Victoria frei. Täglich koche ich frisches Gemüse, jetzt schnipple ich Karotten und Ingwer, stehe am Fenster, sehe, wie die beiden allerlei Einkäufe vor ihrer Türe abstellen: einen Apple Computer, eine Flugdrohne, mehrere Barbiepuppen samt Häusern und Pferden, eine Küchenmaschine, einen Staubsauger und – Hoffnung keimt auf – einen Elektrogrill.

Taio ist außerdem neu eingekleidet, guter Geschmack! Er schmeißt kurz darauf eine Geburtstagsparty für seine Tochter Amahle samt Freundinnen. Leiser geht es zu und keine stinkenden Grillwolken wabern zu uns herüber. Aber die großen Plastikmüllsäcke mit Fisch- und Fleischresten liegen zwei Tage vor ihrer Türe. Flüssigkeit läuft aus, direkt vor unserem Küchenfenster bildet sich eine bräunliche Lache, die Fliegen umschwärmen die Beute.

Auf dem Vordach steht seit Wochen ein Kinder-Swimmingpool, das Regenwasser darin ist der ideale Brutplatz für Mücken. Abends schwärmen sie sirrend aus, machen unserem stillen Genuss bei Rotwein, Kerzenlicht und Sternen am Himmel ein Ende, erzwingen unseren Rückzug in die Wohnung. „Sollen wir schon wieder was sagen, eine Ansage machen, was hier üblich ist und was nicht? Wir, die Ureinwohner?“

© Christine Hoffmann

Christine Hoffmann

Ubuntu, ist eine afrikanische Philosophie, es ist mehr als Religion.
Sie ist eher Weltanschauung, Lebensart, eine Ethik, sie ist Energie in der Mitte von allem, eine Philosophie der Verbundenheit. Das Wort Ubuntu stammt aus der Bantusprache der Zulu und Xhosa und bedeutet „Menschlichkeit“, „Nächstenliebe“ und „Gemeinsinn“, man selbst ist Teil eines Ganzen. Es geht um wechselseitigen Respekt und Anerkennung, Streben nach einer harmonischen und friedlichen Gesellschaft, den Glauben an ein universelles Band des Teilens, das alles Menschliche verbindet. Es geht um die Verantwortung des Individuums innerhalb seiner Gemeinschaft.
Es wäre wundervoll, wenn diese Weltanschauung, diese Ethik des Ubuntu von uns Allen angestrebt und gelebt würde. Davor braucht es Zeit, viele Jahre mit Gesprächen, Diskussionen, Auseinandersetzungen und Vereinbarungen. Politische, institutionelle Bestrebungen für ein gelingendes Miteinander sind unabdingbare Voraussetzungen.

Veröffentlicht in Autor*Innen Für Europa.