Ich will träumen

Ich will träumen, unbeschwert, ohne mich zu genieren, wie damals als junges Mädchen. Als ich ganz oft träumte von unbekannten und bekannten Traumprinzen.

Sofort höre ich die schmachtende, sehnsuchtsvolle Stimme meines ersten Schwarms Roy Black und summe mein Lieblingslied „Ich denk an dich“. Schwinge hin und her, denke an seine schwarzen Haare, sein Gesicht.

Ich sehe mich in meiner Dachbodenkammer den orangebraunen Plattenspieler anstellen und in die Ferne träumen.

Von sanften südländischen Typen wie Cat Stevens. Ihnen falle ich bei Aldi stolpernd in die Arme, ihre dunklen Augen und Locken treiben mich in süße­ste Verliebt­heit. Jeden Abend bastelte ich schon früher an neuen, spannenden Geschichten mit Fantasiemännern.

Und wenn ich ehrlich bin, stehe ich immer noch auf dunkle, schüchterne Typen oder auch Softmachos.

Ach ja, die Ferien bei den Verwandten meines Vaters, unbeschwerten Zeiten, damals in den 1960ern bis 1980ern im norditalienischen Bergdorf La Roccia.

Ich erinnere mich an den einfachen Mauro, bei dem ich mir ein Akkordeon zum Üben auslieh. Ich mochte seine linkische Art und seine tiefblauen Augen, aber wir waren beide zu schüchtern, um uns zu treffen. Gleichzeitig fand ich auch den selbstbewussten Renzo anziehend, der mit seiner Mutter Mariella aus Turin kam und in den Ferien die Oma besuchte. Renzos Mutter platzte förmlich vor Stolz auf ihren Sohn und prahlte mit seinen Leistungen, aber ihren Ehemann lernte ich nie kennen, die Arbeit in Turin war wohl wichtiger. Renzo gegenüber fühlte ich mich unattraktiv mit meiner orange-­blauen Hornbrille, die ich selber nicht ausstehen konnte, und den wenig flotten Kleidern. Trotzdem merkte ich, wie neugierig er mich beobachtete, mich ein­schätzte. Irgendwie schien ich doch interessant für ihn.

Mauro und Renzo nannten mich damals „crucca“, Kraut(fr)esserin, wie alle Italiener im Dorf. Ich verstand diesen Ausdruck, konnte besser Italienisch, als ich mir anmerken ließ, ich hatte extra die Volkshochschule dafür besucht, denn mein Vater brachte es mir nicht bei. Meine Tante Giulietta aber sprach dieses Schimpfwort wie einen Kosenamen aus, voller Zärtlichkeit und etwas vernuschelt, weil sie nicht mehr so viele Zähne hatte. Ich liebte ihre Polenta, die sie über dem offenen Herdfeuer im runden Kupferkessel eine Dreiviertelstunde rührte und die später auf ein rundes Brett gestürzt mit einem dort festgebundenen Seil in Stücke geteilt wurde.

Ach mein geliebtes Italien!

Dieses ungebundene Herdenleben in der Großfamilie.

Diese Ausflüge ins Unbekannte mit mehreren Autos.

Das tolle Essen in Spitzenrestaurants. (Was wir uns in Deutschland als Familie so nie erlaubten).

Ich sehe mich staunen, als nach einem Menu ein Kellner einen silberfarbenen dreistöckigen Servierwagen voller Desserts und Obst an unseren Tisch heranfuhr und filetierte Orangenstücke oder Zitronenscheiben zu Minitörtchen oder Eiskugeln garnierte.

Geld war da nicht das Entscheidende. Und mein Opa, unumstrittenes Familienoberhaupt lud alle ein – oder alle zahlten gemeinsam und gern. Wie bei einem Wettbewerb hauten Opa, Onkel und Vater die vielen Geldscheine auf den Tisch. Bei der Menge von Lira konnte und wollte keiner nachzählen.

Besonders war auch ein Bergausflug mit den Italienern. Das klingt normal für heute, doch es kostete mich Jahre der Überredung. Keiner meiner italienischen Verwandten ging freiwillig in die Berge und nur ein Brötchen zu Mittag zu essen, bedeutete für sie den sicheren Tod, ich übertreibe, klar. Aber Wandern hieß für meine italienischen Verwandten, eine Hütte aufzutreiben, wo ordentlich gekocht wurde. Und so schleppten wir Unmengen von Lebensmitteln mit auf den Berg! Dieser Ausflug blieb einzigartig.

Wenn unsere Verwandten uns in Bayern besuchten, kamen sie mit Säcken italienischer Lebensmittel zu uns, voller Misstrauen allem deutschen Essen gegenüber.

Mein Vater und ich waren jedes Mal fürchterlich aufgeregt am Abfahrtstag und schliefen kaum in der Nacht davor. Alle zwei Jahre fuhren wir in den Sommerferien hin und ich lernte einige Familien und ihren Sommer­besuch gut kennen. Ich bekam auch mit, dass manche Verwandte oder Dorfbewohner ganz oder zeitweise in Eisdielen oder Restau­rants in Deutschland oder Frankreich arbeiteten und schnelles, aber auch hart verdientes Geld machten.

Mit unserem neuen braunen Opel Ascona – auch nicht gerade das Angeber-Auto, aber groß für italienische Augen – weckten wir wohl Sehnsüchte und Neid. Viele im Dorf dachten bestimmt, mein Vater hätte es weit gebracht dort im reichen Deutschland.

Aber kaum jemand wusste, wie schwer und wie viel mein Vater als Gastarbeiter arbeiten musste. Ich erinnere mich, wie er fast immer nach dem Abendessen vor Erschöpfung einfach auf dem Sofa weggeknackt ist.

Angefangen hatte Papa im Steinbruch, nahe der damals unpassierbaren Grenze in den Ostblock. Später war er viel und lange auf Montage in Berlin oder hatte sogar eine feste Arbeit in Frankreich angenommen. Mutters Augen hatten geleuchtet, wenn sie mir von ihrem Besuch bei Papa in Paris erzählt hatte. Sie hatte sich einen Mitfahrplatz im Bus bei einer Studienreise organisiert. Aber der kleine weiße Berliner Bär, den Papa mir einmal mitgebracht hatte, der ist leider verschwunden. Dafür winke ich dem großen eisernen Bären in Gedanken zu, wenn wir auf der A9 Richtung Norden kurz vor der Allianz Arena vorbei fahren. Dass mein Vater diese Mitbringsel für uns Kinder sich von seiner Auslöse abgespart hatte, wusste ich damals nicht. Mit dem Auto, in den 1960ern ein kleiner blauer Kadett, den ich nur von Fotos kenne, hatte er seine Arbeitskollegen und sich zur Montage gefahren und von seiner Firma dafür Geld erhalten.

Mich erstaunte auch, dass Papa mit Hilfe meiner Mutter den Lastwagenführerschein bestehen konnte. Sie brachte ihm damals alles bei und erklärte unermüdlich. Sie ist die Gescheite, die Intelligente in unserer Familie, durfte aber die höhere Schule nicht besuchen, sollte lieber gleich Geld verdienen und schleppte Mehlsäcke in ihrer Lehre im Edeka, unvorstellbar für mich heute. Ich habe ihre Mühen mitbekommen, bis sie es vom Verkauf in einem Fischladen ins Büro geschafft hatte. Dort hatte ich ein paar Mal im Ferienjob ausgeholfen und die schlechte Stimmung live miterlebt. Oft hatte Mutter darüber geklagt und auch geschimpft wegen der ungerechten Bezahlung und dem „Mobbing“ durch die Kollegin – ein Wort, das es damals noch nicht gab.

Mutti hatte eine intensive Beziehung zu meiner Oma, mit der sie die Kriegszeit und lange Jahre danach allein überstehen musste. Mein Opa war als einer der letzten Rückkehrer nach drei Gefangenschaften erst vom Krieg heim gekommen. Mutti hatte auch keinen leichten Weg genommen, sie scheiterte in ihrer ersten großen Liebe und hatte unehelich ein Kind geboren,

Mutti musste später ihren Mann stehen bei Finanzen, Organisation, Hausbau. Sie hat immer darunter gelitten, nicht lernen zu dürfen, auch die uneheliche Geburt hat sie verbrannt und innerlich verhärtet. Wohl auch ein Grund, mir nicht gerade viel Vertrauen ins Leben mitzugeben.

Mit Papa musste sie später eine Firmenpleite nach der anderen wegstecken, bis ihm nur die schwere Arbeit im Straßenbau blieb. Vorbei waren die Zeiten stolzer, auch einsamer Arbeit auf Montage und sein schwindelfreies Balan­cieren in großer Höhe. Doch im Handstand laufen konnte er noch lange.

Auszüge aus: Siamo in tre. Zu dritt (Roman, unveröffentlicht)

Karolina De Valerio

Veröffentlicht in Autor*Innen Für Europa.