Evis Kartoffelsuppe

Vor Gilles Mattu saß eine kleine schmale Frau und schnitt im Sitzen am Wohnzimmertisch Kartoffeln in kleine Würfel. Sie brauchte keine Brille dazu, ihre Bewegungen waren akkurat. Die Hände waren schmal geworden, aber stark geblieben. Als sie jünger war, wäre das gegen ihre Ehre gewesen, im Sitzen zu schneiden. Nun fügte sie sich, auch darin war sie stark.

Früher war Madelaine Mattu eine feste, zuweilen dicke Frau gewesen. Jetzt, wenn Gilles sie zur Begrüßung umarmte und drückte, schreckte sie zusammen: „Nicht so fest, nicht so fest.“

„Ich kann dir ja die Schalotten schälen und den Speck“, schlug Gilles vor, aber Madelaine machte nur eine wedelnde Bewegung und griff nach dem Speckstück, das sie mit Kraft zerschnitt.

„Junge“, sagte sie und schüttelte den Kopf, „Du bist nie da und willst mir helfen?“

„Ach, Mutter“, sagte Gilles. Sie schaute auf, sie hörte das gern und schichtete die Würfel auf ein großes Brett.

„Ja, schaffst du denn das alles?“

Sie schaute ihren Sohn scharf an, dann machte sie weiter.

Gilles Mattu blickte zu der Frau, die seit einem Jahr immer weniger wurde. Dieses Jahr würde sie achtzig Jahre alt. Madeleine Mattu. Der Vater, Paul, war schon lange tot.

Seine Mutter hatte vor ein paar Jahren geschrieben, sie hätte eine neue Liebe gefunden. Sie seien sich auf dem Friedhof begegnet. Er wollte seinen Bruder besuchen, der nach Frankreich übergesiedelt und plötzlich verstorben war und sie ihren Mann, Paul Mattu, der auf der anderen Seite des Friedhofs im Osten von Paris lag. Sie hätten miteinander gesprochen, sich getröstet. Es war eine Liebesgeschichte, die im Haus mit Rührung und Misstrauen beobachtet wurde.

Als sie Gilles davon schrieb, schüchtern wie ein junges Mädchen, und davon, dass Ramedane so voller Ideen sei, Ramedane Chadli, und sie so viel miteinander unternähmen, sogar in Algier seien sie gewesen, wo er geboren war und sie so glücklich mit ihm war wie fast nie vorher mit Paul, hatte Gilles daran gedacht, wie böse sie früher immer werden konnte, wenn er schon wieder nach Deutschland, ins Ausland, fuhr, und wie gekränkt sie war, als er auch dort blieb.

Sie wusste nicht, dass er geheiratet hatte, dass seine Frau bei der Geburt seines Sohns gestorben war. Er hatte ihr nie etwas davon erzählt.

„Zwei große Kartoffeln brauchst du für zwei Personen“, sagte Madelaine Mattu, „das ist nicht viel, wirst du denn davon satt?“

„Ach, Mutter, kümmere dich nicht darum“, sagte Gilles.

„Was ist los?“ fragte sie.

Gilles horchte auf. So hatte sie noch nie gefragt, eher jeden Satz von ihm abgeschnitten, als sei er nicht wert, ausgesprochen zu werden. Warum war sie früher so hart zu ihm gewesen, er war doch ein netter Junge gewesen.

„Also gut, geh‘ in die Küche, da steht schon die Rindfleischbrühe. Nimm den Speck mit, lass‘ ihn im Brattopf aus und gib die Schalotten dazu, musst sie glasig dünsten. Dann kommst du zurück und holst die Kartoffeln, oder nimm sie doch gleich mit. Misch sie unter, dünste sie kurz mit an und gieße sie mit Brühe und Sahne auf. Die crème fraîche steht im Kühlschrank.“

Gilles stand auf. In der Küche hatte alles seinen Platz: das Geschirrtuch hing am Haken am Fenster, die Pfanne stand wie immer links auf dem Herd, das Besteck lag aneinandergereiht im Fach. Selbst der kleine Löffel, mit dem er als Junge selbstgemachtes Eis geschleckt hatte, lag in der Küchenschublade neben den Kuchengabeln.

Der Blick auf den Boden verriet, dass seine Mutter nicht mehr regelmäßig putzte. In der Küche hatte sie glatte portugiesische Kacheln als Bodenbelag, was ihm schon immer gefiel. Früher sah die Küche manierlich aus, wie Madeleine sagte, und sie war gemütlich gewesen mit dem weißen Küchenbüffet und den ziselierten Stühlen.

Gilles Mattu ging hinüber ins Wohnzimmer. Seine Mutter lag auf der Couch. Sie hatte sich drei Kissen unter den Kopf gelegt, lag gekrümmt auf der Seite und strich sich die Beine.

„Das ist die verdammte Krankheit.“

Im Wohnzimmerregal stand das Bild seines Vaters: ein mittelgroßer blonder Mann, der nie laut gegenüber seiner Frau gewesen war, obwohl er Grund dazu gehabt hatte. Sie bestimmte die Geschicke der Familie, sie kommandierte. Alles, was sie anfing, gelang ihr, aber Paul nicht und Gilles auch nicht. Er war eben ein Träumer wie sein Vater.

Neben dem Foto seines Vaters stand ein zweites. Es zeigte die Mutter und Ramedane, ein altes Ehepaar, obwohl sie nie geheiratet hatten. Aber sie waren ein Paar. Dieser Ramedane war kleiner als Gilles Mutter gewesen, präsenter und quirliger als sein Vater. Wenn er in die Wohnung kam, hatte er nicht gesagt: „Hallo, wie geht’s?“ Er rief: „Was machen wir jetzt?“

Innerhalb einer halben Stunde war er gestorben, im Wohnzimmer. Er war vornübergekippt, die Hand an der Brust.

Ein Foto, das Gilles kannte, aber nie beachtet hatte, lag hinter den Fotos von Paul und Ramedane.

Es zeigte eine junge, schmale Frau mit kurzen Haaren und einen jungen Mann an einem Strand. Eine verhuschte Hand, der ein Finger fehlte, langte ins Foto hinein, als winke sie die beiden her. Die bückten sich, eine Person sah man von hinten, sie krümmte sich vor Lachen und umarmte dabei die andere, die ihrerseits in die Knie ging.

Gilles erkannte seine Mutter in der linken Figur. Sie trug eine lange Badehose, es war eher eine arabische Männerhose, und auf ihr war ein großes lachendes Gesicht gemalt.

„Gilles“, rief Madeleine Mattu, „denkst du an die Kartoffeln?“

Er drehte das Foto um. Auf der Rückseite stand: Algier, 19. März 62.

„Die Lauchstange musst du der Länge nach halbieren und gut waschen. Die Karotte und den Sellerie schälst du auch und schneidest sie klein, du Träumer.“

Die Kartoffeln hatte er vergessen, das ganze Essen überhaupt. Er nahm das Bild mit und tat in der Küche das, was ihn seine Mutter geheißen hatte.

Das Foto legte er neben sich.

Als Gilles klein war, hatte sich die Verwandtschaft über seine dunklen Augen mokiert. Die Schwester der Mutter rechnete und redete vom Algerienaufenthalt und behauptete, Paul sei doch niemals dort am Strand gewesen. Warum er auf keinem der Fotos zu sehen gewesen sei? Weil Paul alle Fotos gemacht habe, hatte Madeleine gesagt. Paul hatte still genickt und seine Hand geknetet. Der Zeigefinger fehlte, er hatte ihn sich als Junge beim Holzfällen abgehackt.

„Passierst du die Kartoffelsuppe durch ein Sieb und gießt sie zurück in den Topf!“ rief die Mutter aus dem Wohnzimmer.

„Gib aber erstmal das Gemüse in die Suppe und den Estragon, und lass das Ganze noch etwa 10-12 Minuten ziehen. Brauchst dann nur noch mit Salz und Pfeffer abschmecken. Und kommst du dann?“

Gilles tat, was seine Mutter ihm sagte und setzte sich wieder zu ihr.

„Wer ist die Hand auf dem Bild?“ fragte er.

Die Mutter setzte sich mühsam auf.

„Ja“, sagte sie, „wie du das fragst. Du kennst sie doch!“

„Also.“

„Es ist ein Foto von mir, als ich jung war. Die Hand gehört Paul. Er war dabei. Er war auf unserer Seite. Mehr brauche ich nicht zu sagen. Paul und ich haben geheiratet, noch bevor du auf die Welt gekommen bist. Und er hat sich für deinen Vater ausgegeben. Paul konnte keine Kinder kriegen, das sage ich nur dir.“

Gilles strich über das Foto.

„Verstehst du eigentlich, wie das damals war?“, fuhr Madelaine den Gedanken fort.

„Es war Krieg. Mein Vater war Offizier in Algier. Wir waren die Franzosen. Paul und ich. Und Ramedane war Algerier und ein Kämpfer der FNL, der Front de Libération Nationale, der Befreiungsarmee. Du weißt, was das hieß, damals? Das ist Ramedane“, sagte Madeleine und deutete auf den jungen Mann auf dem Foto.

„Ramedane habe ich nichts von dir gesagt. Er blieb in Algerien. Und du warst Paul so ähnlich. Paul war ich immer dankbar, und mehr als das. Ich weiß nicht, was aus uns geworden wäre ohne ihn.“

„Was kochen wir hier eigentlich?“, fragte Gilles.

„Wir kochen Evis Kartoffelsuppe“, sagte die Mutter, „die hat doch Paul immer so gern gegessen. Vergiss die Krabben nicht, die sind die Krönung. Paul liebte Krabben, köstlich, wirst sehen.“

Ja, Evi war unser Geheimname, wir meinten natürlich Evian! Mit den Verträgen von Evian war der Algerienkrieg endlich vorbei, das war am 19. Mai 1962 gewesen. Wir waren am Strand von Algier, haben gefeiert. Aber wir wollten mehr. Ab da erst wurden wir wirklich eine politische Aktion. Paul, Ramedane und ich.

Und endlich, Algerien wurde am 5. Juli 1962 unabhängig. Das war unser Ziel gewesen. Dafür haben wir gekämpft, damals, Paul und ich, als Franzosen! Weil der Algerienkrieg ein Verrat war an unserer westlichen Demokratie. Frankreich hat seine eigenen Prinzipien verraten. Wir Franzosen haben die Algerier unterdrückt. Sie durften nicht wählen, weil sie Muslime waren. Sie galten als Franzosen dritter Klasse. Und nicht nur das. Es gab Folter. Dagegen mussten wir etwas tun.

Paul, Ramedane und ich, wir waren nur drei, aber wir haben vielen Algeriern damals geholfen, heimlich, konspirativ. Aber immerhin. Und immer gewaltlos. Wir sagten NEIN zum Krieg. Kriegsverbot weltweit, das wollten wir, das will ich bis heute.“

Madeleine klopfte das Kissen zurecht uns setzte sich aufrecht. Sie nahm tief Luft.

„Wir sagten NEIN dazu, wie man mit den Menschen umgegangen ist, egal ob unter sozialistischer, liberaler oder konservativer Verantwortung, weil Frankreich, unser Land, mit der Geschichte und dem Mythos der „droits de l’homme“, der Menschenrechte, – als Herzstück der Französischen Revolution von 1789 – wie kaum ein zweites verbunden war.“ Madelaine atmete schwer.

„Und jetzt ist genug.“

Sie machte eine Geste. Gilles ging in die Küche, beträufelte die Krabben mit Zitronensaft, tat sie in tiefe Teller und goss sie mit der heißen Suppe auf.

Als er ins Wohnzimmer trat, hatte sich seine Mutter zur Wand gedreht. Sie war eingeschlafen. Er nahm die warme Wolldecke und deckte sie zu.

2018+2022

©Petra Ina Lang

Veröffentlicht in Autor*Innen Für Europa.