Europas Kinder

Neulich stand ich wartend in der Schlange am Schalter des Einwohnermeldeamtes. Trotz des pandemiebedingten Abstands war die Ratlosigkeit in der Stimme des jungen Mannes vor mir deutlich zu vernehmen. „Wozu brauche ich den?“, fragte er die Amtsmitarbeiterin. Jene hatte dem offenbar gerade volljährig Gewordenen soeben die Anfertigung eines Reisepasses angeboten.

Mit einer Plötzlichkeit, die mich selbst überraschte, fühlte ich mich in Gedanken nach Hause versetzt, zu dem kleinen Koffer voller vergilbter Erinnerungen, den ich seit meiner Jugend, sprich: seit Jahrzehnten, von Umzug zu Umzug mit mir schleppe. Viele Briefe finden sich darin, aus einer Zeit, in der es noch keine E-Mails gab, sorgsam nach Korrespondenzpartnern gebündelt. Auch einige Trauerkärtchen, mit freundlichen Worten des Abschieds von Menschen, die mir lieb waren.

Außerdem ein papierenes Dokument, verblichen, an den Kanten zerschlissen, eine amtliche Nummer tragend. „Kinderausweis“ steht darauf. Und eine Zeile darunter, in Klammern: „als Passersatz“. Mit sauberer Handschrift hatte der ausstellende Beamte sorgfältig meinen Geburtsnamen eingetragen, für die Staatsangehörigkeit konnte er sich eines zeitsparenden Stempels bedienen. Ausstellende Behörde war die westdeutsche Botschaft in Den Haag. Das Datum der Ausstellung bezeugt, dass mein erster Geburtstag noch bevorstand. „Damals war das so, da brauchte man das“, hatte meine Mutter mir später erklärt. Wir waren noch keine Kinder Europas.

Wie gut erinnere ich mich auch an das beklemmende Gefühl, wenn mein Vater während der beschwerlichen Autofahrt nach Italien, zunächst an der österreichischen und später an der italienischen Grenzstation, einem streng dreinblickenden Menschen in Uniform unsere Reisepässe auszuhändigen hatte. Erst nachdem diese argwöhnisch Seite um Seite durchblättert und für unauffällig befunden waren, durften wir sie wieder entgegennehmen und weiterfahren. Grenzenloses Europa? In jenen Tagen nichts als ein kühner studentisch-revolutionärer Traum.

Später dann, in meiner Jugend, waren Reisepässe für uns alle wohl gehütete Trophäen, Zeugnisse abenteuerlicher Reisen in nahe und ferne Länder, welche jedes auf seine Art Spuren in diesem Büchlein hinterlassen hatten: Stempel meist, Aufkleber manchmal, angetackerte Kärtchen vielleicht, Siegelmarken selten. Sogar nach dem Verlust der Gültigkeit, wenn der abgelaufene Reisepass einem neuen weichen musste, wurde die Frage „Wollen Sie ihn behalten?“ stets mit einem energischen „Ja!“ quittiert, woraufhin in einem Akt der Entwertung ein amtlich grobes Loch hindurchgestanzt wurde, was den abgewetzten Pass unwiderruflich zu einem Dokument reiner Erinnerung machte. Heute braucht einen Reisepass nur mehr, wer vorhat, ein*e Weltenbummler*in außerhalb europäischer Grenzen zu werden. Europas Kinder sind freier.

Europa. Es hat so viele Bedeutungen, dass Wikipedia sich zu einer „Begriffsklärung“ veranlasst sieht: Schiffsnamen, Verlage, Automobile, ein Asteroid, die Geliebte des Zeus, sogar eine afrikanische Insel. Und dann ist da jenes Europa, in dem wir heute leben: Viele Länder, auf der Weltkarte dicht an dicht gedrängt, über die rein geografische Nachbarschaft hinaus zu einer wachsenden politischen Einheit gefügt, ohne misstrauisch bewachte Grenzen, meist mit derselben Währung, einer gewissen Offenheit und Zusammengehörigkeit verpflichtet, und, über alle Kultur- und Meinungsverschiedenheiten hinweg, bemüht, wirkungsvoll gemeinsame Sache zu machen.

So manche EU-Richtlinie mag die Nerven im Alltag strapazieren, doch wir dürfen nicht übersehen, was Europas politische Bündnisse mit der resultierenden innereuropäischen Freiheit uns zudem bieten: Frieden. In vielen Ländern, auch in Deutschland, herrscht Frieden bereits seit vielen Jahrzehnten. Wir haben uns an ihn gewöhnt. Jedoch: Frieden ist unfassbar verletzlich.

Wie sehr, das müssen die Menschen der Ukraine gerade so erbarmungslos schmerzhaft erleben. Familien, die eben noch frohen Mutes aus dem Skiurlaub nach Hause zurückkehrten, sahen sich jäh mit Krieg und Flucht konfrontiert. Seither findet sich das Land im unnachgiebigen Kampf um die Verteidigung unserer kontinentaleuropäischen Grenze wieder. Wie könnten wir sie alleine lassen?

Junge Menschen, in Deutschland geboren, kennen nichts als Frieden. Doch der Krieg schläft nie. Auf dieser Welt sind jeden Tag viel zu viele, so erschreckend emotionslos genannte „Kriegsschauplätze“ zu beklagen. Despoten reißen Mächte an sich und missbrauchen sie. Faschisten täuschen über Wahrheiten hinweg. Aggressoren überschreiten Grenzen brutal. Frieden und Freiheit, auch das sind Kinder Europas. Lasst sie uns so fest halten, wie wir nur können!


© 2022 Ilka Baral  ib@ilka-baral.de

Veröffentlicht in Autor*Innen Für Europa.