Tränen – 24.Februar 2022

Tränen – 24.Februar 2022

Die Welt außer Atem, sie ist fassungslos,

frohes Leben in Tränen verstummt,

Furchtbares trifft eine ganze Nation,

trauernd hört sie den Sirenenton,

überall Grauen und schlimmes Leid,

 wird zynisch in Lügen vermummt,

ganz Viele sind zum Helfen bereit,

ohnmächtig macht sich Machtlosigkeit breit,

furchtbare Historie teuflisch modifiziert,

eine mordend, verruchte Armee marschiert,

alle Greuel der Geschichte übernommen,

des Satans Bastarde handeln mehr als verkommen,

humane Werte sind bei Denen zerronnen.

KriegsVerbrechen

 “KriegsVerbrechen” wörtlich ist eine Qual,

denn der doppelte Inhalt lässt keine Wahl,

egal wie herum, welches Wort was beschreibt,

ist in jedem davon schon einverleibt,

dass ein Krieg immer ein Verbrechen bleibt,

unsäglich grausam, gewissenlos,

legen Taten perfides Denken bloß.

“NichtKriegsVerbrechen” zu legitimieren

heisst, böse Taten sollen nicht irritieren,

womit sich Täter ungeniert zieren,

denn Befehle “erlauben” Krieg zu führen,

die angeblich keine Verbrechen berühren.

Was sind das für “Spielregeln” in dieser Welt,

die gemacht werden von Mördern mit viel Geld,

sind Kriege ohne Verbrechen etwa human,

was wird da erlaubt und vorallem getan?

Kriege an sich sind doch Irrsinnsverbrechen,

unendliches Leid lässt sich nicht messen

und Wertesysteme der Welt zerbrechen.


Angel Hope

Angel Hope

Günstig

Günstig

„Das Geld, das Geld regiert die Welt“,
ein Trottel, wem es nicht gefällt.
Denn Menschsein heißt nun investieren,
auf dem Finanzmarkt nicht verlieren.
Menschsein ist Wachstum und Profit,
mit Marktgespür, sonst ist es ‚Schitt‘.

Ja, Wachstum ist der Lebenstraum,
ohne Wachstum geht es kaum,
denn Wirtschaftswachstum, das tut not,
ja, das ist äußerstes Gebot.
Nur so gelingt es den Experten
geschickt Bilanzen zu verwerten,
den Finanzmarkt zu bedienen,
unschuldig gern mit Gaunermienen.

Keine Welt, die mir gefällt,
wird der Mensch hier doch verprellt,
Gewinn, Gewinn hat hier das Sagen,
günstig ist, wenn keine Fragen,
denn Gier und Geld erhält die Welt,
nichts stört uns, wenn die Habgier bellt.

Doch Klimazonen stören nur,
Klimawandel – Irrtum pur,
der Mensch lebt gerne fremdgesteuert,
Eigenverantwortung ist bescheuert.
Menschlichkeit – ein alter Hut,
der Wirtschaft tut sie gar nicht gut,
Wirtschaftswachstum ist angesagt,
in allen Bereichen – ungefragt.

So leben wir den Traum vom Leben,
einen besseren wird es nicht mehr geben,
der Duft vom Geld berauscht total,
alles andere wäre eine Qual.

Vera Botterbusch

Aleppo

Die Füchsin bleibt stumm, hält Abstand, jeden Augenblick bereit sich zu verziehen in den Büschen. Der lange Schwanz streift die Erde. Ihre Augen unruhig, nach allen Seiten blickend. Ihr schlanker Körper, das schmale Gesicht. Die Füchsin ist schön.

Wir beneiden sie ihrer Schönheit wegen. Wir strecken unsere Hände nach ihr, um sie zu locken. Vorsichtig kommt sie ein Stück näher, zieht sich hastig zurück in die Sicherheit des Busches, über dem die Grillen in den Tag hinein singen.

Sie wird uns ihre Geschichte nicht erzählen.

Wir laufen nackt hinunter zum Meer, umarmen uns in den Wellen.

Wir haben schwarze Steine gelegt auf dem Weg zum Dorf, in dem wir das Nötigste kaufen. Die Füchsin folgt uns ein Stück, Abstand haltend.

Am Abend besucht uns der Fischer, der ganz alleine in der nächsten Bucht wohnt.  Die Füchsin und der Fischer sind in den nächsten Monaten unsere Freunde. Auch er kann uns nicht die Geschichte der Füchsin erzählen.

Er breitet seinen Fang aus in dem Gebäude unter den Olivenbäumen, in dem die Feuerstelle wartet benutzt zu werden. Er schneidet Knoblauch, salzt die Fische, legt Rosmariennadeln auf sie. Aus der Glut zischt es.

Der Geruch nach gebratenem Fisch zieht die Füchsin an, aber sie wagt es nicht, den Raum zu betreten.

Wir sitzen mit dem Fischer im Schatten des Hauses, mit Blick auf das Meer und …. [Ganze Geschichte im Worddokument lesen >>> ]

Petra Magdalena Kammerer

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Gesang der Steine

Europa im Mai 2022

Die europäische Aufklärung hat die religiöse Wahrheit, dass wir alle aus Einem entstanden sind, zusammengehören und ein gemeinsames Schicksal auf diesem Planeten teilen, bestätigt. Sie hat uns darüber hinaus die Erkenntnis gegeben, dass die biblische Aufforderung, uns den Planeten Untertan zu machen, einer kritischen Interpretation bedarf.

Diese Erkenntnisse treten besonders klar und kristallin dann hervor, wenn sie erfühlt und erlebt werden und nicht nur am Ende eines intellektuellen Prozesses stehen. Sei es in der meditativen Versenkung, im Gespräch, im Tanz, im Rausch oder bei einem Spaziergang durch blühende Frühlingswiesen. Erst dieses Spüren der Einheit ermöglicht den unbefangenen Blick über die eigene Person hinaus auf andere Menschen und auf alle Lebewesen.

Europa ist ein empathischer Kontinent geworden. Der die Freiheit der und des Einzelnen zur Bedingung der Freiheit aller macht. Der die Würde des Einzelnen in den Mittelpunkt stellt, nicht die Würde der Nation. Europa hat in seiner wechselvollen, kriegerischen und grausamen Vergangenheit gezeigt, wohin es führt, wenn man sich nicht an dieser Idee orientiert. Und wir Europäer sind deshalb besonders gehalten, für diese Ideale einzutreten.

Ob auch die so genannte unbelebte Natur, wie etwa ein Stein, empathisch sein kann, ist aus naturwissenschaftlicher Sicht eindeutig zu beantworten. Aus poetisch-literarischer ebenfalls (siehe sogleich).

Gesang der Steine

Kalksteine

tonnenschwer am Hang

rund und glatt

vom Gletscher geschoben

erwachen

nach kalter Nacht

Still ihr Gewicht

Breitseiten

zur Sonne

die Ruhe liebend

spüren sie

in den Boden hinein

wo Würmer kribbeln

an ihren Unterseiten

Frühlingsverse

flüsternd

Unerwartet zittert die Erde

im Donnern bebt die Luft

die der Ostwind heranträgt

vom Krieg

Verstört

ratlos

hilflos

ihrem Brechreiz ausgeliefert

singen die Steine ein Lied

Philipp Stoll

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Pizzeria Paradiso

Carlo Ventuzzi siedelte mit seiner Familie von Süditalien in eine bayerische Kleinstadt um, weil es in seiner Heimat keine Arbeit gab. Er hatte keine besonderen beruflichen Qualifikationen, auch beherrschte er die deutsche Sprache nur mangelhaft, deshalb machte er in der neuen Heimat das naheliegende: Er übernahm ein leerstehendes Lokal und nannte es Pizzeria Paradiso. Allerdings hatte er nicht bedacht, dass die Kleinstadt bereits über ein italienisches Lokal verfügte, dass zum Stolz der Bewohner, die sich immer etwas im Hintertreffen gegenüber der großen Stadt sahen, durchaus auf städtischem Niveau mithalten konnte. Trotzdem wollte man dem Neuen eine Chance geben und zur Eröffnung war Ventuzzis Pizzeria bis auf den letzten Platz besetzt. Es war dies jedoch das erste und das letzte Mal. Die Speisen der Pizzeria Paradiso hielten bei weitem nicht, was der Name versprach. Pizzen waren an den Rändern verbrannt, Nudeln pampig und mit faden Saucen, das Fleisch noch streng nach zu langer Lagerung und Fisch gab es ohnehin nicht. Hinzu kam, dass die Ventuzzis aufgrund der geringen Sprachkenntnisse Bestellungen verwechselten und sich im korrekten Addieren der Preise schwertaten. Nur wenige Besucher gaben dem Lokal eine zweite Chance und als die ebenso verheerend ausfiel, verirrten sich nur noch Touristen ins Paradiso.

Umso verblüffter waren die Kleinstädter als Ventuzzi eines sonntags mit einem Audi TT Cabrio die Hauptstraße entlang fuhr. Rauf und runter, rauf und runter. Dabei begrüßte er die Besucher der Straßencafés mit Handzeichen, aber nur die wenigsten grüßten zurück. Trotzdem erregten seine sonntäglichen Fahrten Aufsehen. Die Leute fragten sich, woher Ventuzzi das Geld hatte, um sich einen solchen Wagen zu leisten. Niemand ahnte, dass er den Audi in einer Lotterie gewonnen hatte. Seine Frau beschwor ihn, das Auto zu verkaufen und mit dem Geld den Standard der Pizzeria zu verbessern. Aber der Wagen war Ventuzzis ganzer Stolz, auch wenn das Benzingeld nur für seine demonstrativen Fahrten reichte.

Die Honoratioren der Kleinstadt waren beunruhigt. Als erster sprach der Lebensmittelhändler Bleichmann von Geldwäsche und Mafia. Der Metzger Vinzenz Lichter, der Apotheker Mühlhofer und andere tragende Säulen der Kleinstadt stimmten ihm zu. Wenn Ventuzzi sonntags seine Runden drehte und freundlich grüßte, grüßten auch sie nun zurück, wenn auch zögernd. Es war bisher zwar nichts passiert, was den Verdacht von Mafia und Geldwäsche erhärtet hätte, aber man konnte ja nie wissen. Besser jetzt freundlich lächeln als hinterher in einem Betonloch zu verschwinden. Ganz kampflos wollte sich die gehobene Gesellschaft jedoch nicht ergeben. Man beauftragte Bleichmann, den Lebensmittelhändler, heimlich Kontakt zur örtlichen Polizei aufzunehmen, um Ventuzzi und seine Sippe auf mögliche Straftaten zu durchleuchten. Die Recherchen waren ergebnislos. Was hatte dieser kleinwüchsige, glanzköpfige Pizzafritze vor? Welches Spiel spielte er? Konnte man ihn unter irgendeinem Vorwand wieder aus der Stadt vertreiben?

Hätte man geahnt, dass die Ventuzzis wegen Geldnot kurz davor standen wieder nach Italien zurückzukehren, die kleinstädtische Ruhe und Beschaulichkeit hätte ihre Wiederauferstehung gefeiert. Aber das strikte Beharren des Vaters, mit dem Audi in sein Heimatdorf zurückzukehren und mit seinen Erfolgen in Germania zu prahlen, hatte die Familie tief entzweit. Die letzten finanziellen Reserven für Benzin zu verschwenden, stieß bei Ventuzzis Söhnen auf erbitterten Widerstand. Sie weigerten sich, per Anhalter zu reisen, weil in das Coupé nur Ventuzzi und seine Frau passten. Mittlerweile mussten sie sogar die Pasta in Gleichmanns Lebensmittelladen kaufen. Solche Dienste übertrug Ventuzzi aus Scham seinem Sohn Raffaele. Als der Lebensmittelhändler Raffaele mit zwei Päckchen Spaghetti an der Kasse sah, war ihm klar, dass jetzt die Aufforderung kam, sich unter den Schutz der Familie Ventuzzi zu begeben und zu zahlen. Aber nichts geschah. Raffaele zog mit seinen Spaghetti wortlos von dannen.

In der Nacht jedoch gab es einen Kabelbrand im Lager des Geschäfts, der einigen Schaden anrichtete. Jetzt war Bleichmann alles klar. Das war eine Aufforderung, bei Ventuzzi vorstellig zu werden. Immerhin hatten sie ihm keine tote Katze vor den Eingang gelegt. Bleichmann recherchierte im Internet über die Methoden der Mafia, erfuhr, dass man das Schutzgeld Pizzo nannte und es etwa 10 % des Umsatzes betrug. Er las auch, was bei Weigerung drohte. Man fackelte seinen Laden ab, lockerte die Radmuttern an seinem Auto, oder – schlimmstenfalls – entführte man die Ehefrau und schickte ihren abgehackten Ringfinger per Post als Ultimatum. Kurz dachte er darüber nach, wieder auf der Polizeidienststelle vorstellig zu werden. Aber dort waren nur drei Polizisten stationiert. Wie sollte ihn da jemand rund um die Uhr schützen? Das Beste war zu zahlen, die 10 % konnte man irgendwie über höhere Preise wieder erwirtschaften.

An einem Sonntag, nachdem Ventuzzi seine Runden gedreht hatte, machte sich Bleichmann auf zur Pizzeria Paradiso. Schon von außen sah er, dass niemand im Lokal saß. Aber er wollte sichergehen und vor allem nicht gesehen werden. Bleichmann ging um das Haus herum, wo sich der Hintereingang mit der Küche befand und klopfte vorsichtig ans Fenster. Niemand kam. Er klopfte noch einmal, diesmal lauter. Ventuzzi erschien, sah den Lebensmittelhändler und zeigte sein strahlendstes Lächeln. Er öffnete das Fenster und rief: „Venga, Venga Signor Bleichmann. Kommen Sie, kommen Sie. Essen Sie mit uns zu Abend.“
Der Lebensmittelhändler schreckte zurück, dachte dann aber, dass es unklug wäre die Einladung abzulehnen. Ventuzzi könnte es als Affront auffassen. Also aß er mit der Familie zu Abend und musste feststellen, dass die Pasta mit frischen Kräutern, die offenbar aus dem Garten stammten, vorzüglich schmeckte. Für sich selbst konnten sie also durchaus gut kochen, diese Halunken. Mehr denn je war er davon überzeugt, dass Ventuzzi ein Mafioso war.

Nach dem Essen verschwanden die Söhne, Signora Ventuzzi räumte die Teller ab und verzog sich ebenfalls. Jetzt war der richtige Zeitpunkt gekommen, dachte Bleichmann. Es war ein merkwürdiges Gefühl, einem echten Mafioso gegenüber zu sitzen. Dabei deutete nichts an Ventuzzis Erscheinung darauf hin. Weder trug er eine Waffe noch hatte er diesen düsteren Blick, den der Lebensmittelhändler aus dem Fernsehen kannte, wenn sie dort einen Mafia-Krimi zeigten. Im Gegenteil, Ventuzzi lachte viel und herzlich, vielleicht auch weil er nur die Hälfte verstand. Aber das war natürlich nur Tarnung. Bleichmann wollte die Sache möglichst schnell hinter sich bringen, legte das Kuvert mit dem Geld auf den Tisch, sah Ventuzzi an und sagte nur: „Pizzo.“
Sein Gegenüber hörte auf zu lächeln, wechselte ins beschwörende, hob die Hände und rief: „No, no, heute nix Pizza. Keine Gast, siehst du.“ Dabei zeigte er zum Lokal. Bleichmann ließ sich nicht täuschen. Natürlich wollte Ventuzzi die Dinge nicht beim Namen nennen. Er überlegte einen Moment, dann radebrechte in Ventuzzis gebrochenem Deutsch: „Iste füre dich, von uns.“ Dabei deutete er mit ausgestreckten Armen die Bewohner der Kleinstadt an. Zögernd öffnete Ventuzzi das Kuvert, sah die Geldscheine und schüttelte den Kopf. „No, no.“ Verdammte Halunke dachte der Lebensmittelhändler und sagte: „Iste nicht genug?“ Ventuzzi sah ihn verdattert an und fragte: „Warum?“
Was sollte diese Fangfrage? „Nächste Mal mehr.“ Bleichmann stand auf, hielt Ventuzzi die Hand hin und sagte: „O. k. Freund?“ Da der sprachlose Ventuzzi nicht antwortete, deutete der Lebensmittelhändler das als Zustimmung und verabschiedete sich schnellstens.

Am nächsten Sonntag, die Honoratioren der Kleinstadt saßen wieder in ihrem Lieblingscafé, ließ Ventuzzi einmal den Motor aufheulen als er an ihnen vorbeirollte und winkte ihnen zu. Alle winkten zurück. Der Lebensmittelhändler berichtete von seinem Besuch Ventuzzi und die Versammlung kam zu der Überzeugung, dass es das Beste sei, wenn nach und nach jeder von ihnen in der Pizzeria vorsprach und seinen Pizzo entrichtete. Man legte eine Reihenfolge fest und beschloss ansonsten über die ganze Angelegenheit zu schweigen. Jeden Sonntag tauschten die Herren sich über ihre Erfahrungen aus und einigten sich als weitere Geste guten Willens gelegentlich in der Pizzeria Paradiso zu essen. Das Angebot und die Qualität der Speisen hatten sich mit der Zeit deutlich verbessert, sodass man bei allen Vorbehalten von einer win-win–Situation sprechen konnte. Keinerlei Vorfälle waren meh passiert und allmählich legte sich wieder der Finsternis der Behäbigkeit über die Kleinstadt. Nur einmal glimmte der Widerstand gegen Ventuzzi nochmal auf. Das war als er eines sonntags mit einem Porsche Cabrio die Hauptstraße auf und ab fuhr.
„Das ist unser Geld“, empörte sich der Metzger. Aber er beruhigte sich wieder als Ventuzzi 3000 Schweinswürste bei ihm bestellte und sie für die Weihnachtstombola stiftete. Und im Jahr darauf erwog man sogar die Ehrenbürgerwürde für ihn, weil er die Trikots des Fußballvereins der Kleinstadt sponserte. Die Pizzeria Paradiso war ein viel besuchtes Lokal, in dem man inzwischen vorzüglich speisen konnte und jeder, der einen Platz ergatterte, konnte seinen Bekannten am nächsten Tag zuraunen: „Gestern war ich bei meinem Italiener, einem echten Mafioso, zum Essen.“

Eines sonntags, viele Jahre später, wartete man vergeblich auf die rituelle Fahrt Ventuzzis im Porsche Cabrio. War er krank? Womöglich von einem anderen Mafioso erschossen? Ein Bandenkrieg? Drohte jetzt alles wieder von vorne zu beginnen mit einem neuen, strengeren Mafiaboss?
Beunruhigt machten sich die Herren auf zur Pizzeria. Das Lokal war geschlossen, der Porsche verschwunden, kein Ventuzzi weit und breit. Der weilte unterdessen in seinem Heimatdorf in der neu erbauten Villa und feierte mit allen Bewohnern seine Rückkehr in die Heimat. Und jedem, der es hören wollte, schwärmte er von der Großzügigkeit der Menschen in Germania vor, die ihm, dem Sohn eines armen Tagelöhners, zu Wohlstand und Ansehen verholfen hatten.
In der Kleinstadt indes kehrte die gewohnte Eintönigkeit und Langeweile zurück. Der Gesprächsstoff beim Sonntagscafé versiegte mangels interessanter Ereignisse. Und wenn der Bürgermeister in seinem Volvo Kombi vorbeifuhr, blickte man nicht einmal auf. Das hatte einfach keinen Stil.

Helmut Michael Schmid

ein paar Tage im Modus <>

während verhandelt wird wer am meisten geholfen hat

in welcher Sprache zu reden ist

wo man Gedichte veröffentlichen soll und an welcher Ausschreibung teilnehmen

während man beleidigt tut und andere beleidigt

und irgendwo draußen Gedichte schreibt

verstecken sich Spießbürger vor den Schüssen

lernen von neuem zu zählen

eins zwei drei vier fünf

das Werbeschild im Haus gegenüber

erinnert an den Scheinwerfer eines KZs

im Film „Das Leben ist schön“

derart

dass ich es zerschlagen möchte

mit dem ersten Gegenstand der in die Hand gerät

[ es verstößt gegen die Verblendung ]

ein paar Tage im Modus <<Krieg>>

lassen versteinern

keine Angst mehr vor den Schüssen spüren

vor dem Beben des Hauses

ich schlafe ein zu den Meldungen einer erneuten Explosion

gut wäre es sich einfach unter eine warme Dusche zu stellen

die Beine auszustrecken

die ganze Nacht schlafend in einem Bett zu verbringen

ich liege zwischen den Schalen der Badewanne und der Decke

wie eine Jakobsmuschel oder eine Auster

nur dass ich keine Perle bin

die winzige Badewanne

erinnert an eine Puppenkiste

im Film „Greta“

in dem die Mutter

die an Überfürsorglichkeit litt

ihre Tochter in einer Kiste einschloss

am liebsten würde ich sagen: Hör zu, Welt,

ich bin brav, ich habe mich brav benommen,

mach auf, bitte

während verhandelt wird welche Sprache sich in der Literatur durchsetzt

dreht jemand durch am anderen Ende der Leitung

versucht Gott am Telefon zu erreichen

oder an wen sonst geht stundenlang das

hallo hallo hallo

lebend solange man sich im Griff hat

sich nicht auflöst zu einem flachen Wurzelwerk

Stockwerke höher

geraten Leute außer sich

lachen skandieren sowjetische Lieder

weinen

und wieder telefoniert irgendwer <<hallo>>

Ekaterina Derisheva (Übersetzung: Slata Roschal)

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Ein kleiner Mann

Ein kleiner Mann

Immer schon war er ein sehr kleiner Mann. Innen wie außen. Als sehr kleiner Junge lernte er seine sehr kleine Hand zu einer Faust zu ballen. Auch kleine Fäuste können Schaden anrichten, das lernte er bald. Zuerst daheim vor dem Spiegel, wenn er wieder einmal alleine zu Hause war. Er zog dann eine böse Grimasse. Immer und immer wieder. So lange, bis sie so böse aussah, dass er manchmal selbst Angst vor sich hatte. Und er lernte, wenn der Blick aus den kleinen Augen böse genug war, war kein Platz mehr darin für Kummer. Nur Hass passte noch hinein, in das linke und das rechte Auge. Und mit diesem Hass und der kleinen Faust war er stark genug geworden. Die kleine Faust konnte denen, die ihn nicht mochten oder zu ihm sagten, dass er zu klein wäre, alles sagen. Weil er nichts zu verlieren hatte, außer seinen bösen Blick aus den kleinen Augen. Später als die Faust und die Augen und das Eingeübte ihn immer größer und größer machten, obwohl er immer noch ein kleiner Mann war, übte er weiter vor dem Spiegel. Nun übte er Lächeln. Er lächelte in den Spiegel, während seine kleine Faust fast blau wurde vor Anspannung. Doch die durfte niemand mehr sehen. Er lernte, eine Faust zu machen, ohne eine Faust zu machen und dabei zu lächeln ohne eigentlich zu lächeln. Er war gut im Üben. Immer und immer wieder übte er, bis man ihm nur noch das Lächeln glaubte. Das machte ihn erfolgreich und erfolgreicher. Doch er war immer noch ein kleiner Mann. Und er hatte Sehnsucht. Nach seiner Faust, die ihn zu dem gemacht hatte, was er heute war. Er bedauerte, dass niemand mehr sie kannte. Manchmal sah er sie an und dann schlug er mit ihr auf einen großen, langen Tisch. Doch niemand lobte ihn, wie laut diese kleine Faust auf den Tisch hauen konnte. Niemand hörte auf die kleine Faust. Sie war einfach zu klein und sein Lächeln zu gut geprobt. Und so schlug er eines Tages mit beiden Händen, die zu wütenden kleinen Fäusten geballt waren, auf den langen Tisch. Laut genug, dass man ihn weit, weit hörte. Und wieder lobte ihn niemand. Der laute Schall der beiden Fäuste breitete sich aus und wurde zu einer Welle rund um ihn. Er freute sich an der Welle und vergaß dabei für einen kurzen Moment, dass er ein sehr kleiner Mann war. Und er vergaß, dass es andere Hände gab. Offene Hände hatte er nie geübt. So wusste er nicht, dass viele offene Hände gemeinsam eine Schallmauer bilden konnten. Und damit die Welle zurückschickte – zu den kleinen Fäusten an dem langen Tisch.

Elvira Lauscher

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Europas Kinder

Neulich stand ich wartend in der Schlange am Schalter des Einwohnermeldeamtes. Trotz des pandemiebedingten Abstands war die Ratlosigkeit in der Stimme des jungen Mannes vor mir deutlich zu vernehmen. „Wozu brauche ich den?“, fragte er die Amtsmitarbeiterin. Jene hatte dem offenbar gerade volljährig Gewordenen soeben die Anfertigung eines Reisepasses angeboten.

Mit einer Plötzlichkeit, die mich selbst überraschte, fühlte ich mich in Gedanken nach Hause versetzt, zu dem kleinen Koffer voller vergilbter Erinnerungen, den ich seit meiner Jugend, sprich: seit Jahrzehnten, von Umzug zu Umzug mit mir schleppe. Viele Briefe finden sich darin, aus einer Zeit, in der es noch keine E-Mails gab, sorgsam nach Korrespondenzpartnern gebündelt. Auch einige Trauerkärtchen, mit freundlichen Worten des Abschieds von Menschen, die mir lieb waren.

Außerdem ein papierenes Dokument, verblichen, an den Kanten zerschlissen, eine amtliche Nummer tragend. „Kinderausweis“ steht darauf. Und eine Zeile darunter, in Klammern: „als Passersatz“. Mit sauberer Handschrift hatte der ausstellende Beamte sorgfältig meinen Geburtsnamen eingetragen, für die Staatsangehörigkeit konnte er sich eines zeitsparenden Stempels bedienen. Ausstellende Behörde war die westdeutsche Botschaft in Den Haag. Das Datum der Ausstellung bezeugt, dass mein erster Geburtstag noch bevorstand. „Damals war das so, da brauchte man das“, hatte meine Mutter mir später erklärt. Wir waren noch keine Kinder Europas.

Wie gut erinnere ich mich auch an das beklemmende Gefühl, wenn mein Vater während der beschwerlichen Autofahrt nach Italien, zunächst an der österreichischen und später an der italienischen Grenzstation, einem streng dreinblickenden Menschen in Uniform unsere Reisepässe auszuhändigen hatte. Erst nachdem diese argwöhnisch Seite um Seite durchblättert und für unauffällig befunden waren, durften wir sie wieder entgegennehmen und weiterfahren. Grenzenloses Europa? In jenen Tagen nichts als ein kühner studentisch-revolutionärer Traum.

Später dann, in meiner Jugend, waren Reisepässe für uns alle wohl gehütete Trophäen, Zeugnisse abenteuerlicher Reisen in nahe und ferne Länder, welche jedes auf seine Art Spuren in diesem Büchlein hinterlassen hatten: Stempel meist, Aufkleber manchmal, angetackerte Kärtchen vielleicht, Siegelmarken selten. Sogar nach dem Verlust der Gültigkeit, wenn der abgelaufene Reisepass einem neuen weichen musste, wurde die Frage „Wollen Sie ihn behalten?“ stets mit einem energischen „Ja!“ quittiert, woraufhin in einem Akt der Entwertung ein amtlich grobes Loch hindurchgestanzt wurde, was den abgewetzten Pass unwiderruflich zu einem Dokument reiner Erinnerung machte. Heute braucht einen Reisepass nur mehr, wer vorhat, ein*e Weltenbummler*in außerhalb europäischer Grenzen zu werden. Europas Kinder sind freier.

Europa. Es hat so viele Bedeutungen, dass Wikipedia sich zu einer „Begriffsklärung“ veranlasst sieht: Schiffsnamen, Verlage, Automobile, ein Asteroid, die Geliebte des Zeus, sogar eine afrikanische Insel. Und dann ist da jenes Europa, in dem wir heute leben: Viele Länder, auf der Weltkarte dicht an dicht gedrängt, über die rein geografische Nachbarschaft hinaus zu einer wachsenden politischen Einheit gefügt, ohne misstrauisch bewachte Grenzen, meist mit derselben Währung, einer gewissen Offenheit und Zusammengehörigkeit verpflichtet, und, über alle Kultur- und Meinungsverschiedenheiten hinweg, bemüht, wirkungsvoll gemeinsame Sache zu machen.

So manche EU-Richtlinie mag die Nerven im Alltag strapazieren, doch wir dürfen nicht übersehen, was Europas politische Bündnisse mit der resultierenden innereuropäischen Freiheit uns zudem bieten: Frieden. In vielen Ländern, auch in Deutschland, herrscht Frieden bereits seit vielen Jahrzehnten. Wir haben uns an ihn gewöhnt. Jedoch: Frieden ist unfassbar verletzlich.

Wie sehr, das müssen die Menschen der Ukraine gerade so erbarmungslos schmerzhaft erleben. Familien, die eben noch frohen Mutes aus dem Skiurlaub nach Hause zurückkehrten, sahen sich jäh mit Krieg und Flucht konfrontiert. Seither findet sich das Land im unnachgiebigen Kampf um die Verteidigung unserer kontinentaleuropäischen Grenze wieder. Wie könnten wir sie alleine lassen?

Junge Menschen, in Deutschland geboren, kennen nichts als Frieden. Doch der Krieg schläft nie. Auf dieser Welt sind jeden Tag viel zu viele, so erschreckend emotionslos genannte „Kriegsschauplätze“ zu beklagen. Despoten reißen Mächte an sich und missbrauchen sie. Faschisten täuschen über Wahrheiten hinweg. Aggressoren überschreiten Grenzen brutal. Frieden und Freiheit, auch das sind Kinder Europas. Lasst sie uns so fest halten, wie wir nur können!


© 2022 Ilka Baral  ib@ilka-baral.de

Ich will träumen

Ich will träumen, unbeschwert, ohne mich zu genieren, wie damals als junges Mädchen. Als ich ganz oft träumte von unbekannten und bekannten Traumprinzen.

Sofort höre ich die schmachtende, sehnsuchtsvolle Stimme meines ersten Schwarms Roy Black und summe mein Lieblingslied „Ich denk an dich“. Schwinge hin und her, denke an seine schwarzen Haare, sein Gesicht.

Ich sehe mich in meiner Dachbodenkammer den orangebraunen Plattenspieler anstellen und in die Ferne träumen.

Von sanften südländischen Typen wie Cat Stevens. Ihnen falle ich bei Aldi stolpernd in die Arme, ihre dunklen Augen und Locken treiben mich in süße­ste Verliebt­heit. Jeden Abend bastelte ich schon früher an neuen, spannenden Geschichten mit Fantasiemännern.

Und wenn ich ehrlich bin, stehe ich immer noch auf dunkle, schüchterne Typen oder auch Softmachos.

Ach ja, die Ferien bei den Verwandten meines Vaters, unbeschwerten Zeiten, damals in den 1960ern bis 1980ern im norditalienischen Bergdorf La Roccia.

Ich erinnere mich an den einfachen Mauro, bei dem ich mir ein Akkordeon zum Üben auslieh. Ich mochte seine linkische Art und seine tiefblauen Augen, aber wir waren beide zu schüchtern, um uns zu treffen. Gleichzeitig fand ich auch den selbstbewussten Renzo anziehend, der mit seiner Mutter Mariella aus Turin kam und in den Ferien die Oma besuchte. Renzos Mutter platzte förmlich vor Stolz auf ihren Sohn und prahlte mit seinen Leistungen, aber ihren Ehemann lernte ich nie kennen, die Arbeit in Turin war wohl wichtiger. Renzo gegenüber fühlte ich mich unattraktiv mit meiner orange-­blauen Hornbrille, die ich selber nicht ausstehen konnte, und den wenig flotten Kleidern. Trotzdem merkte ich, wie neugierig er mich beobachtete, mich ein­schätzte. Irgendwie schien ich doch interessant für ihn.

Mauro und Renzo nannten mich damals „crucca“, Kraut(fr)esserin, wie alle Italiener im Dorf. Ich verstand diesen Ausdruck, konnte besser Italienisch, als ich mir anmerken ließ, ich hatte extra die Volkshochschule dafür besucht, denn mein Vater brachte es mir nicht bei. Meine Tante Giulietta aber sprach dieses Schimpfwort wie einen Kosenamen aus, voller Zärtlichkeit und etwas vernuschelt, weil sie nicht mehr so viele Zähne hatte. Ich liebte ihre Polenta, die sie über dem offenen Herdfeuer im runden Kupferkessel eine Dreiviertelstunde rührte und die später auf ein rundes Brett gestürzt mit einem dort festgebundenen Seil in Stücke geteilt wurde.

Ach mein geliebtes Italien!

Dieses ungebundene Herdenleben in der Großfamilie.

Diese Ausflüge ins Unbekannte mit mehreren Autos.

Das tolle Essen in Spitzenrestaurants. (Was wir uns in Deutschland als Familie so nie erlaubten).

Ich sehe mich staunen, als nach einem Menu ein Kellner einen silberfarbenen dreistöckigen Servierwagen voller Desserts und Obst an unseren Tisch heranfuhr und filetierte Orangenstücke oder Zitronenscheiben zu Minitörtchen oder Eiskugeln garnierte.

Geld war da nicht das Entscheidende. Und mein Opa, unumstrittenes Familienoberhaupt lud alle ein – oder alle zahlten gemeinsam und gern. Wie bei einem Wettbewerb hauten Opa, Onkel und Vater die vielen Geldscheine auf den Tisch. Bei der Menge von Lira konnte und wollte keiner nachzählen.

Besonders war auch ein Bergausflug mit den Italienern. Das klingt normal für heute, doch es kostete mich Jahre der Überredung. Keiner meiner italienischen Verwandten ging freiwillig in die Berge und nur ein Brötchen zu Mittag zu essen, bedeutete für sie den sicheren Tod, ich übertreibe, klar. Aber Wandern hieß für meine italienischen Verwandten, eine Hütte aufzutreiben, wo ordentlich gekocht wurde. Und so schleppten wir Unmengen von Lebensmitteln mit auf den Berg! Dieser Ausflug blieb einzigartig.

Wenn unsere Verwandten uns in Bayern besuchten, kamen sie mit Säcken italienischer Lebensmittel zu uns, voller Misstrauen allem deutschen Essen gegenüber.

Mein Vater und ich waren jedes Mal fürchterlich aufgeregt am Abfahrtstag und schliefen kaum in der Nacht davor. Alle zwei Jahre fuhren wir in den Sommerferien hin und ich lernte einige Familien und ihren Sommer­besuch gut kennen. Ich bekam auch mit, dass manche Verwandte oder Dorfbewohner ganz oder zeitweise in Eisdielen oder Restau­rants in Deutschland oder Frankreich arbeiteten und schnelles, aber auch hart verdientes Geld machten.

Mit unserem neuen braunen Opel Ascona – auch nicht gerade das Angeber-Auto, aber groß für italienische Augen – weckten wir wohl Sehnsüchte und Neid. Viele im Dorf dachten bestimmt, mein Vater hätte es weit gebracht dort im reichen Deutschland.

Aber kaum jemand wusste, wie schwer und wie viel mein Vater als Gastarbeiter arbeiten musste. Ich erinnere mich, wie er fast immer nach dem Abendessen vor Erschöpfung einfach auf dem Sofa weggeknackt ist.

Angefangen hatte Papa im Steinbruch, nahe der damals unpassierbaren Grenze in den Ostblock. Später war er viel und lange auf Montage in Berlin oder hatte sogar eine feste Arbeit in Frankreich angenommen. Mutters Augen hatten geleuchtet, wenn sie mir von ihrem Besuch bei Papa in Paris erzählt hatte. Sie hatte sich einen Mitfahrplatz im Bus bei einer Studienreise organisiert. Aber der kleine weiße Berliner Bär, den Papa mir einmal mitgebracht hatte, der ist leider verschwunden. Dafür winke ich dem großen eisernen Bären in Gedanken zu, wenn wir auf der A9 Richtung Norden kurz vor der Allianz Arena vorbei fahren. Dass mein Vater diese Mitbringsel für uns Kinder sich von seiner Auslöse abgespart hatte, wusste ich damals nicht. Mit dem Auto, in den 1960ern ein kleiner blauer Kadett, den ich nur von Fotos kenne, hatte er seine Arbeitskollegen und sich zur Montage gefahren und von seiner Firma dafür Geld erhalten.

Mich erstaunte auch, dass Papa mit Hilfe meiner Mutter den Lastwagenführerschein bestehen konnte. Sie brachte ihm damals alles bei und erklärte unermüdlich. Sie ist die Gescheite, die Intelligente in unserer Familie, durfte aber die höhere Schule nicht besuchen, sollte lieber gleich Geld verdienen und schleppte Mehlsäcke in ihrer Lehre im Edeka, unvorstellbar für mich heute. Ich habe ihre Mühen mitbekommen, bis sie es vom Verkauf in einem Fischladen ins Büro geschafft hatte. Dort hatte ich ein paar Mal im Ferienjob ausgeholfen und die schlechte Stimmung live miterlebt. Oft hatte Mutter darüber geklagt und auch geschimpft wegen der ungerechten Bezahlung und dem „Mobbing“ durch die Kollegin – ein Wort, das es damals noch nicht gab.

Mutti hatte eine intensive Beziehung zu meiner Oma, mit der sie die Kriegszeit und lange Jahre danach allein überstehen musste. Mein Opa war als einer der letzten Rückkehrer nach drei Gefangenschaften erst vom Krieg heim gekommen. Mutti hatte auch keinen leichten Weg genommen, sie scheiterte in ihrer ersten großen Liebe und hatte unehelich ein Kind geboren,

Mutti musste später ihren Mann stehen bei Finanzen, Organisation, Hausbau. Sie hat immer darunter gelitten, nicht lernen zu dürfen, auch die uneheliche Geburt hat sie verbrannt und innerlich verhärtet. Wohl auch ein Grund, mir nicht gerade viel Vertrauen ins Leben mitzugeben.

Mit Papa musste sie später eine Firmenpleite nach der anderen wegstecken, bis ihm nur die schwere Arbeit im Straßenbau blieb. Vorbei waren die Zeiten stolzer, auch einsamer Arbeit auf Montage und sein schwindelfreies Balan­cieren in großer Höhe. Doch im Handstand laufen konnte er noch lange.

Auszüge aus: Siamo in tre. Zu dritt (Roman, unveröffentlicht)

Karolina De Valerio

Fühling 22

Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte…

Schön wär‘s. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so. Trotz Blütenträumen und Sonnenschein – es ist schwer, in diesem Wonnemonat Lebensfreude zu entwickeln. Während ringsum das Leben neu erwacht, es grünt und blüht, werden wir täglich mit den Bildern zerbombter Städte und getöteter Menschen konfrontiert. In Europa ist plötzlich wieder aufgestanden, welcher lange schlief. Leichen liegen auf den Straßen, andere wurden in Massengräbern verscharrt. Und die meisten von uns stehen hilf- und ratlos und fragen sich verwundert, wie es plötzlich wieder so weit kommen konnte. Wie konnte das Gespenst des Krieges aus den Gewölben steigen, in die es über Jahrzehnte verbannt war? Wie konnte es Europa, ja die ganze Welt, wieder in Angst und Schrecken versetzen? Anstelle von Mörikes blauem Band flattern in diesen Tagen die blau-gelben Flaggen der geschundenen Ukraine durch die Lüfte und lenken unseren Blick nach Osten. Belarus, Ukraine, Republik Moldau, das ominöse Transnistrien – vor dem Krieg hatten vieleWest- und Mitteleuropäer davon wahrscheinlich noch nicht einmal gehört. Genaueres darüber wussten sicher die wenigsten. Es hat uns auch nicht wirklich interessiert. Geographisch gehörten diese Länder  irgendwie zu Europa, gefühlt aber waren sie weit weg, irgendwo im Osten. Ein blinder Fleck. Die Entfernung zwischen München und Kiew beträgt etwa 1730 Kilometer. Nach Madrid sind es von München aus gut 1970, nach Athen über 2000 Kilometer, nach Helsinki gar 2167. Doch die geographische Distanz besagt wenig. Mental sind – oder waren uns bislang zumindest – Spanien, Griechenland oder auch Finnland näher als die Ukraine, Belarus oder die Republik Moldau. Doch seit dem 24. Februar ist alles anders. Ob wir wollen oder nicht, der Krieg verändert unsere Wahrnehmung.

Nach Jahren nehme ich unser Gästebuch wieder zur Hand. Darin wohl bewahrt liegt meine einzige persönliche Begegnung mit einer Bewohnerin der Ukraine. 2007 war das. M. war gebürtige Russin, aber mit einem Ukrainer verheiratet und lebte seit Jahrzehnten mit ihrer Familie in Odessa. Sie war Deutschlehrerin, hatte zu Sowjetzeiten in Dresden studiert und war nun über ein mehrwöchiges Austauschprogramm in Deutschland. Für die Dauer ihres Aufenthalts war sie bei uns zu Gast. Wir haben damals viel über die Missstände in der Ukraine gesprochen: Resignation und in der Folge Alkoholismus waren M. zufolge ebenso allgegenwärtig (sie selbst hat deshalb nicht einen Tropfen Alkohol angerührt) wie Korruption. Die Infrastruktur verkommen, es war schwer, eine qualifizierte Arbeit zu bekommen, weil viele Betriebe nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Ihr Mann, eigentlich Ingenieur, musste sich als Taxifahrer durchschlagen. Das Land ging vor die Hunde. So ihre Einschätzung damals. Dass in den Schulen nicht mehr russisch, wie noch zu Sowjetzeiten, sondern ukrainisch die Unterrichtssprache war, bereitete ihr Unbehagen. M. wirkte müde und ausgelaugt. Die Frau tat mir leid. Aber die Verhältnisse, die sie mir schilderte, waren und blieben mir fremd. Die Ukraine war weit weg. In diesen Wochen denke ich oft an M. und unsere Gespräche damals. Ich wüsste gerne, ob oder wie sich das Land ihrer Meinung nach in den letzten Jahren entwickelt hat oder wie sie Putins Einmarsch bewertet. Würde sie sich eine erneute Anbindung der Ukraine an Russland wünschen? 2007 vielleicht schon noch. Aber heute? Befürwortet sie das derzeitige Vorgehen der russischen Armee, die Zerstörung ganzer Landstriche, Gewalt und den Tod so vieler Zivilisten? Ich weiß es natürlich nicht, aber vorstellen kann ich mir das kaum.

Noch einmal nehme ich Richard Wagners Buch Habsburg. Bibliothek einer verlorenen Welt zur Hand, erschienen 2014. Der Autor erkundet darin in essayistischen Miniaturen sehr feinsinnig das literarische Nachleben des ehemaligen Vielvölkerstaats Österreich-Ungarn. Einer meiner vielen literarischen Annäherungsversuche an weitgehend unbekannte Welten. Literatur bringt uns Länder und Regionen näher. Sie ersetzt aber nicht den direkten Austausch oder die Begegnung vor Ort. Nur durch persönliche Kontakte kann eine wirkliche Annäherung entstehen, können unterschiedliche Lebenswelten allmählich zusammenwachsen. Ich glaube an ein vereintes Europa und doch ist Osteuropa auch Jahre nach der EU Erweiterung für mich immer noch weitgehend Terra incognita. Das wird mir in diesen Wochen mit Schrecken bewusst.

Noch ist nicht klar, wann und wie dieser Konflikt endet, wann das Gespenst (hoffentlich für immer) wieder in den Katakomben verschwindet. Wann im Frühling erneut Mörikes blaues Band durch die Lüfte und ob überhaupt die blau-gelbe Flagge wieder über einer befreiten Ukraine weht. Die Herausforderungen aber werden selbst dann längst nicht verschwunden sein. Nicht nur der Wiederaufbau der Ukraine wird Jahre brauchen, sondern auch die dringend notwendige Neu(er)findung und Neubewertung einer nach Osten erweiterten Europäischen Union. Doch nur dann werden wir aus unseren ganz unterschiedlichen Erfahrungen der Vergangenheit eine gemeinsame, tragfähige Zukunft gestalten können. Vielleicht keimt im schrecklichen Frühling 22 gerade die zarte Pflanze der Verschwisterung. Sicher ist das keineswegs.

Elisabeth Schinagl

Link zur AutorInnen-Website: https://www.elisabethschinagl.de/