**** (Es wird dunkel)

Es wird dunkel. Ein Grollen rollt in die Nacht hinein
Steinigt meine Libellenträume
irgendwo zwischen der Front und den Bergen
Dann spielen wir Krieg im Hof
die Jungs kämpfen ernsthaft
Danach bin ich wach, es ist schon der zwanzigste Tag

Es bleibt dunkel. Wir nehmen die Trauer mit ins Bett
Ein untröstlicher Bauer ist noch unterwegs unter meinen Lidern
Gelähmt vor Schmerz, vor Angst heulte ich wie ein Kind
auf dem Rücken des Tieres …
Mein armer Freund, mein armer Boden, die
von so viel Tod und Krater wie verrückt wieherten
Wir fanden nie mehr zurück, nie mehr einen Gott zum Glauben

Schwer gehen die Augen auf. Ganz nah steigt erschreckender Rauch
Es sollte gerade heller werden. Die Vögel übten wieder die Frühlingslieder
Aber die ersten Vorboten – unmenschlich laut
zerrissen unsere Haut. Allein die Hoffnung flüstert noch

Über uns richten sich schwarze Geister auf
Wortlos sehen wir uns an, während die Kinder plötzlich ergrauen

Und immer so fort in die taube Zeit
mit den schlaflosen Gebeten

Und immer so fort in uns hinein das Grollen der Raketen

Tania Rupel Tera

EUROPA

Europa
Wiege vieler Hochkulturen

Heute vernetzt, strukturiert, sicher, demokratisch und frei.

Macht, Besatzer sind heute eher Besetzte.

Von den Fjorden Norwegens, den Seen Finnlands, über das neu orientierte Deutschland bis hin zu den touristischen Attraktionen Spaniens, Italiens und Griechenland. Von der Krone Englands bis zum kühlen Pilsener in einem Heilbad in Tschechien.

Vom Ursprung der Demokratie in Griechenland bis zu ihrem Ende in Mariupol.

Vom Klischee bis zur absoluten Vielfalt.

Ich habe früher öfter mit Interrail mehrere Länder in Europa besucht.


Spanien
Wilde Hunde, Hippimarkt,
Ibiza als Kind gewagt.
Meningitis trotzdem nochmal dort
Flog so gern mit Flugzeug fort
Menorca Jugend leerer Strand
Nackt im Wasser mich niemand fand
Tennis lernen, Eierkuchen
Immer nach Vergnügen suchen.
Interrail ab nach Bayona
Am Strand wir waren Zeltbewohner
Deutsche waren dort nicht viele
Spanierinnen Knutschespiele.
Schokomilch, Sangria, Wein
Auch die Lagune von Cies war fein.
Sevilla nachts nicht viel los
Erwartungen viel zu groß.
Als Student auf Mallorca
Nicht Ballermann Albufeira.
Mit R4 und Jeepsafari.
Unterwegs da war i.
Mandelblüte, Klosterblick.
Diskutanten und Diskofick.


Frankreich
Paris, Metro, Geisterbahn
Weiter in die Britagne fahren.
Eine Insel, Ebbe, Straße,
Blaues Meer, Liebeschance .
Paris Center Pompidou
Auf der Zeichnung. Das bist Du.
Nacht am Strand Haschischkontrolle.
Wir waren zum Glück nicht so dolle.
Die Düne von Arcachon so gross,
Da war auch ganz schön viel los.
In Nantes am Haus von Jules Vernes
Und am Strand da war ich gern.


Italien
Bei Florenz in Katakomben
Waren in der verfallenen Kapelle Bomben.
Pontevecchio und Zypressen
Eine Pizza leckeres Essen.
An der Adria Vodka saufen.
Schläger wollte Mädchen kaufen.
Tauben auf dem Markusplatz.
Auf der Gondoliere mit dem Schatz
Neapel gesehen fast gestorben.
Wenig Wasser. Magen verdorben.
Am Meer und auf die Burg gegangen
Liebe noch so unbefangen.
Kolosseum, Petersdom,
Leider war ich noch nie in Rom


Bulgarien
CDs für wenig Geld.
Zigeunerfest mir gut gefällt.
Chopska Salat, Hähnchen Joghurt, Käse
Meeresbodenlandschaft, Rosenlese.
So viel Vielfalt, schwarze Perle,
Delfine, Frauen, echte Kerle
Mit dem Boot gefahren, gegrillter Fisch
Am Strand gefüllter Mittagstisch.
Donaumündung, Vögel fliegen
Am Strand In der Sonne liegen.


Finnland
Auf dem Boot zur einsamen Insel
In der Sauna Saunabier.
In den kalten See gesprungen.
In der Tundra bunte Blätter.
Nordlicht. Sumpf, Regenwetter.
Elche, Rentier Wintergoldhähnchen,
Nacht im Ruderboot, Fluchtplänchen
An der Uni bunt gemischt
Ukrainer, Chinesen, Finnen Deutsche , Vodka erwischt.
Gemeinschaft Trinken, Rakastan.
Finnland hat mir gutgehen.


Tschechien
Kurbad, Bier, goldene Stadt,
Tschechien wohl zu bieten hat.
Lendenbraten und Oblaten.
Pilsener, Budweiser auf den Fahrten.
Prager Frühling, Schwarzlichttheater.
Junge Mutter, alter Vater.
Moldau, Burg und Karlsbrücke.
Biene Maja, Musikstücke.
Griechenland
Land der Philosophen und der Götter
Finanziell bedroht vom Spötter.
Syrtaki und Familienessen.
Die Entstehung der Demokratie nicht zu vergessen.
Ausgegraben aus der Erde
Woraus dann unsere Freiheit werde.

Russland
Birkenwälder, Heremitage
U-Bahn in der unteren Etage
Protz und Gold und Einfachheit.
Eine Frau im schönen Kleid.
Kutsche der Katharina aus purem Gold
Oder ihr Degas und Monet sehen wollt.
In der Disko nackte Frauen.
Angst davor, dass Mafiosis uns verhauen.
Der Mann mit der Kalaschnikoff.
Darauf ich so gar nicht hoff.

Großbritannien
Doppeldeckerbus, Madame Thussauds.
Scones mit Tee. Studentin in Dessous.
Boris Becker Towerbridge,
Kronjuwelen, Chips und Fisch.
Gepflegte Parks und Rock’n Roll.
Irlands Strände leer, das Pub ist voll.
Burgen, Brombeeren, das Loch Ness.
Queen mum, Diana nevertheless
Cornwall Vögel, Gokart fahren.
Mit dem Bus und mit der Bahn.
Rock Circus, Westminster.
Die Heimgehstrasse war recht finster.

Israel
Das heilige Land , es war so fern.
Ich hatte es trotzdem gern
Friedlich auf der Wiese sitzen.
Mädchenaugen, Augen blitzen.
Yad Vashem und Kinderstimmen,
Aus dem KZ, Lichter verglichen.
Zettel in der Klagemauer
Für Frieden lang von Dauer.
Kibbuz, Canyon, totes Meer.
Wüste, Sand wo kommt der Regen her?
Grabeskirche und Moschee
Ach wie tun Konflikte weh.
Rotes Meer wir gehen hinein
Und sehen tolle Fische fein.

Alexander Voigts

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Mitgefühl für Minotaurus

Vorgeschichte

Ort: Knossos auf Kreta (Griechenland/Europa)
Datum: mythische Vorzeit

Der athenische König Aigaos – im Hauptberuf Namensgeber der Ägäis – muss nach schwerem Knockout gegen König Minos jedes Jahr sieben junge Männer und Frauen nach Kreta schicken. Ihre Bestimmung: Opfer für Minotaurus sein. Minotaurus ist der Sohn eines Stieres und Minos‘ Frau Pasiphae. Aus Scham über die Mesalliance sperrt Minos das Ungeheuer in ein Labyrinth, gebaut von Dädalus, dem Vater des Ikarus (Anschlussmythos).

Der Athener Theseus bricht nach Kreta auf (Heldenreise). Praktischerweise verliebt sich Minos‘ Tochter Ariadne in ihn und gibt ihm das berühmte Wollknäuel – nicht um zu stricken, Theseus als antiker Typus eher nicht häuslich verortet – sondern um wieder aus dem Labyrinth herauszufinden. Gegenleistung: Heiraten und mit nach Athen nehmen. Die Operation gelingt, Theseus tötet die Bestie, verlässt Kreta zusammen mit Ariadne, lässt diese aber bei einem Zwischenhalt auf Naxos schlafend zurück. Moralisch herausfordernd, aber schön für Freunde und Freundinnen der Oper (Richard Strauss: Ariadne auf Naxos).

Zwischenresümee: Theseus kommt meist zu gut weg, Minotaurus zu schlecht (Überlieferungsproblematik/Persistenz stereotyper Zuschreibungen)
Aufgabe: Mythos dekonstruieren, dann umschreiben und neues Narrativ finden

Text

Minotaurus: Mischwesen enigmatisches: Tier-Mann-Stier-Hybride,
Animal triste, entstanden aus einer heißblütigen Verbindung.
Polyamorie polymorph, wo die Liebe halt hinfällt im Delta der Venus.

Oder doch ganz anders? Verwachsen, was nicht zusammengehört. Frühes Resultat eines genetischen Experiments? Was Sie schon immer über die Antike wissen wollten, sich aber nie zu fragen wagten. Wusste Mary Shelley mehr?

Minotaurus: Misogyner Menschenfresser, eingeschränkte Bewegungsfreiheit, Meidbewegungen auf engstem Raum.
Raging Bull – Wie ein wilder Stier, mäandert mental, verkannter Peripatetiker vorgeschichtlich postmodern.
Schrecken Athens mit schlechtem Ruf, teakholzhart erarbeitet.

Heute wärst du wohl Grenzschützer, ein T-Rex in Kevlar-Weste für Front-ex-Sold, verteidigst Europa gegen Europa und den Rest der Welt,
auch am Hindukusch.
Endlich mal rauskommen, Urlaub vom Labyrinth und
dabei Menschen getroffen, die wie Nausikaa die reine Stirn der Engel trugen.
Leider auch aus Damaskus und Daressalam, eher schwache Bleibeperspektive: push me back, baby.

Minotaurus: Das Nächste, das wir von dir wissen, ist dein gewaltsamer Tod. Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert – #espada – umkommen (Matthäus 26:52). Corrida im steinernen Irrgarten. Im Spiegel der Tauromachie stirbt es sich schöner und heller das Licht.
Aber wie genau, wissen wir nicht, bleibt im Dunkel des Mythos, die erdrosselte Beredsamkeit.

Tod am Nachmittag wohl durch den toxischen Totmacher Theseus, den Mann vom schlechten alten Schlag, den Torero mit dem sinistren Siegerlächeln, den Ariadne-Umgarner. Tod durch den Typen mit dem roten Faden fürs Leben, den tollen Typen mit dem letalen Charme und den abgründigsten Abendland-Absichten.

Da hatte es Zeus The Godfather doch angenehmer, ewiger Formwandler an der Frauenfront, immer für einen Übergriff zu haben, der Stier nimmt sich Europa auf die Hörner: ego-euro-phallo-zentrisch.

Kein Held:innenepos / schmutziger Lorbeer. Alles wie bei Schulberg und Schiller im Boxring und Theater des Sterbens – #viva la corrida: The bigger they are, the harder they fall.
Immer diese Stiere – Troja – ach so, ja.

Minotaurus: Und sonst? Schöne Kindheit gehabt? Wie lebt es sich denn so im Labyrinth des Lebens? Ohne Sternstunden der Menschheit und viel zu lange ohne Athen zwischen den Zähnen?
Wie ist das? Für immer weggesperrt von der Welt. Pechgeblendet vom Vater-Darsteller. Hortus conclusus mit Härten,
Minotaurus Missgeburt, #el monstruo sin colores. Misfit, nicht gesellschaftsfähig.

Shame of a Nation, Zumutung ohne Ausweg, fast schon zu hässlich für den Mythos. Dunkel, großkopfert, böser Blick. Blond und blauäugig immer besser, uns näher, so hört man jetzt, Empathie dann leichter.
Einfach zu wenig Einfalt und stille Größe. Schöne Grüße von Winckelmann.
An was denkst du im Halbschatten, wenn du mit dir alleine bist? An die europäischen Werte?

Das sind ja die mit schwerer Schlagseite
Im Mittelmeer, Mare Nostrum
Wasserspiele ohne Grenzen
Weit und breit kein Rettungsboot in Sicht
Beim Ertrinken hilft kein Ariadnefaden
Schiffbruch mit Zuschauer
Überdachte Plätze in der VIP-Lounge
Auch von oben immer alles schön trocken
In der Festung Europa

Nehmt einen Anlauf!
Zerstört die Labyrinthe!
Befreit den Minotaurus!

Manfred Luckas©

Manfred Luckas

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Mit Ubuntu Tür an Tür

Heißer Morgen, August 2021. Meine Pflanzenkinder auf der Dachterrasse, die Hortensien, Geranien, Rosen, Tagetes und der kleine Zitronenbaum sind durstig. Ich gieße sie und denke an meine Fahrt gestern in die Innenstadt. Die Bahnen rappelvoll, vor allem rund um die Trabantenstadt. Viele Menschen aus dem Nahen Osten und aus Afrika. Die städtischen Mülleimer quellen über. München ist voller Baukräne. Wohnungsverdichtung!
Dann hängen meine Gedanken an der Radiosendung über Afrika. Neu für mich ist der Begriff Ubuntu, den ich gleich in Google eingebe und fündig werde.

Vor fünfzehn Jahren zogen Eckhart und ich in dieses neu gebaute, elegante Haus im „Speckgürtel“ von München, einer Gemeinde mit vielen Akademikern in großzügigen Häusern mit gepflegten Gärten. Damals waren fast alle Nachbarn deutscher Herkunft, einige davon sind weggezogen. Seit sechs Jahren leben hier eine italienische, eine deutsch-türkische Familie und jetzt noch unsere Nachbarn aus Afrika: urbaner Mikrokosmos, Globalisierung.

Es klingelt an der Wohnungstüre. Ich öffne, vor mir stehen ein Mann und eine hochschwangere Frau, beide dunkelhäutig, ein Kleinkind und ein Teenager mit etwas hellerer Hautfarbe. „Können Sie ein Maßband leihen? Wir werden neue Nachbarn, wollen checken, wohin Möbel passen.“ Natürlich bekommen sie es. Wir freuen uns über die baldige Wärme in der Wohnung, die schon länger leer steht. Mein Mann Eckhart: „Mary, ich sag´s dir gleich, unsere Ruhe ist dahin, ich kenne die Lebensart von Afrikanern.“ Darauf ich: „Was meinst du damit?“

Einige Wochen später klopft es heftig an der Wohnungstüre. Der neue Nachbar, noch ohne Namen, ist aufgeregt, seine Augen rotieren, die weißen Zähne strahlen. „Wo wohnt der Nachbar mit Piercing, wie heißt er?“ Es platzt aus ihm heraus: „Ich war arbeiten, dann meine Frau hat heute in seinem Auto auf Fahrt zum Krankenhaus das Kind bekommen. Wieder ein Mädchen, ich will danke sagen.“
Ich gratuliere ihm zur Vaterschaft und wünsche Frau und Kind alles Gute. Dabei denke ich an die geplatzte Fruchtblase, an Blut und Placenta im schicken Sportwagen des punkigen Nachbarn. Tage danach erzählt mir der unfreiwillige Geburtshelfer auf der Treppe, er wisse nun, wie das so abläuft, wenn neue Menschlein zur Welt kommen. Sein Auto befinde sich noch in einer Spezialreinigungsfirma.

Als ich die Terrasse von Herbstblättern befreie, steht der neue Nachbar auf seiner, uns trennt nur die abgeschrägte Mauer. Er lächelt mich an und sagt: „Madam, mein Name ist Taio, wir kommen aus Nigeria, der Stadt Lagos, twenty million citizen, oh, oh! Auch meine Frau Victoria und kleine Tochter Okuhle.“ „Freut mich, so interessante Nachbarn zu haben. Ich stamme aus Bayern und heiße Maria.“ Wir reichen uns die Hände. „Wie geht es dem Baby, wie heißt es?“ „Geht gut, geht gut, ihr Name Lesedi.“ „Sie haben noch eine Teenager-Tochter?“ „Ja, ihr Name Amahle, wollen viele Kinder, wie mein Papa in Nigeria.“ Er grinst. „Nein, ist Spaß. Hat achtundzwanzig Kinder und viele, viele Frauen, oh, oh“. „Und mein Papa in Bayern hat insgesamt fünfzehn Kinder mit drei Frauen, oh, oh.“ Wir lachen. Er habe eine Kanal- und Rohrreinigungsfirma, gute Firma, gute Mitarbeiter. Seine Frau Victoria gesellt sich zu uns. Sie lächelt und versteht offensichtlich nicht, was wir reden.
Vor kurzem dachte ich, Taio habe zwei Frauen: eine, deren Haare kurz geflochten am Kopf anliegen, die attraktiv, farbenfroh afrikanisch gekleidet ist und eine mit geglättetem, halblangem, leicht gewelltem Haar, die in Hosen und klassischen Sakkos unterwegs ist. Inzwischen weiß ich, es ist immer Victoria.
Am Silvestervortag klingelt Taio und hält Eckhart eine Flasche Wein aus Südafrika ins Gesicht. Er lädt uns zu seiner Silvesterparty ein. Es würde viel Fleisch gebraten, es kämen viele Freunde, sagt er. Wir sind Vegetarier und vergleichsweise uralt. „Danke für die Einladung, wir diskutieren noch, ob wir kommen können.“ „Wäre doch mal interessant zu sehen, wie Menschen aus Nigeria den Jahreswechsel feiern und wir mit ihnen.“ Eckhart meint, er kenne Afrikaner aus seinem mehrjährigen Aufenthalt in Südafrika. Wenn wir morgen mitfeierten, würde das nachbarliche Verhältnis gleich zu eng. Besser sei es, Distanz zu halten. Schade und doch wird mir sonderbar bei der Vorstellung, wir würden mi all den jungen, dunkelhäutigen Menschen feiern.

Statt die Einladung anzunehmen, gehen wir in ein klassisches Konzert: Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Als wir heimkommen, ist nebenan Tohuwabohu.
Viele Menschen gehen ein und aus.. Afrikanische Musik mit Trommeleinlagen wummert durch das Gemäuer: Highlife, Westafrika lässt grüßen! Ein Lachen, Singen und rhythmisches Gruppenstampfen. Es geht bis acht Uhr morgens.

Im März. Es ist der erste warme Tag, der Himmel blau. Nach dem düsteren Winter bricht sich die Lebenslust bahn, sogar bei mir. Inzwischen haben Taio und seine Mitarbeiter den Terrassenboden mit Holzbohlen ausgelegt und den Außenbereich im Trend möbliert. Auch ich genieße lesend den frühen Sonnentag, doch die extrem laute afrikanische Musik von nebenan verändert meinen Herzschlag. Sie verabschieden wohl den Winter und begrüßen schon den Sommer? Die sommerlichen Lesestunden draußen am Dach, mit der Hölderlin-Biografie von Safranski, werden ziemlich unkonzentriert ablaufen. Was tun? Die Villenbesitzer drüben beschweren sich bereits über die afrikanische Musik.

Im Frühsommer höre ich Victoria, die sich in ihrer Sprache am Smartphone unterhält, das Baby Lesedi, das wunderbare, zufriedene Laute von sich gibt und dazwischen immer wieder das „Maama, Maama, Maama“ der zweijährigen Okuhle, so liebevoll und sehnsüchtig. Ich unterbreche das Hochbinden der blau blühenden Prunkwinde am Bambustrapez, kann meine Neugierde nicht zügeln und werfe einen Blick über die Mauer. Da sitzen Victoria, neben ihr das nackte Baby – mir fällt die Kinderfreundin Elfriede ein, die so stolz auf ihre „Negerbabypuppe“ war, wie es damals hieß – und Okuhle, die sich zwischen die Beine der Mutter schmiegt. Lächelnd grüße ich hinüber: „Oh, happy family, have a nice day!” Victoria schaut wortlos, erschrocken herüber.
Als es die ersten Selbstpflücker-Erdbeeren gibt, belegen wir Törtchen, nehmen eine Schale mit Schlagsahne und kräftigen Kaffee und raus auf die Terrasse. Prachtvoller Tag! Nebenan hören wir bereits nach und nach die Besucher ankommen. Nigerianische Musik wird laut gestellt und der Grill direkt an der angrenzenden Mauer angeworfen. Beim Versuch, unsere Törtchen zu genießen, werden wir gleich von giftig stinkenden Rauchschwaden eingenebelt: Fisch und Fleisch brutzeln gnadenlos vor sich hin. Wir klappern mit Geschirr und Besteck, wir hüsteln, wir röcheln. Wir lassen uns hier nicht vertreiben, das wäre ja noch schöner. Der Qualm lässt nicht nach. Wir werden ungehalten, dann ärgerlich. Was tun? Es hinnehmen, sich in die Wohnung zurückziehen? Der Rauch wird immer heftiger und zieht seit einer Stunde geradewegs auf uns zu. Mein Zorn ist nicht zu bremsen. Erst schimpfe ich laut: „So eine unverschämte Sauerei. Was denken die sich denn, ich flippe gleich aus!“ Eckhart meint beruhigend: „Dann gehen wir halt ins Wohnzimmer.“ Wir flüchten. Zwecklos, die Rußwolken ziehen durch den Jalousiekasten herein. Die Giftwolken sind inzwischen kompakt und bösartig. Wir sehen weder den Eichenbaum noch das Dach der Villa. Das geht nun bereits über zwei Stunden so. „Sollen wir die Feuerwehr rufen, das Grillfeuer ist bestimmt außer Kontrolle geraten, vielleicht brennt bereits der holzige Boden?“ Meine Wut kennt kein Halten mehr. Draußen strecke ich meinen Kopf über die Mauer, ein dunkelhäutiger Mann steht am Grill. Im Rauch erkenne ich nicht, ob es sich um Taio oder einen anderen Mann handelt. Egal, scheißegal! Ich schreie: „Hören Sie sofort auf damit, gehen Sie an die Isar zum Grillen oder sonst wo hin. Wir sind alte Leute und wollen ohne Giftwolken unseren Kaffee trinken.“ Dann erkenne ich den fremden Mann, den ich angebrüllt habe. Taio kommt. Auch ihn schreie ich an. Seine Augen treten hervor, er hebt ein großes Messer und eine Gabel gekreuzt über seinen Kopf, so als wolle er den Krieg erklären und gleich auf mich losgehen. Eckhart beruhigt: „So geht das nicht, schafft euch doch einen Elektrogrill an.“ Wir ziehen uns zurück. An der Tür klingelt es mehrmals Sturm. Wir öffnen nicht, um einer gewalttätigen Auseinandersetzung vorzubeugen. Mir fällt jetzt das beliebte Spiel der Kindheit ein: „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?“ Draußen qualmt es noch lange.

Eine Woche danach klingelt Taio, ich öffne die Tür. Sofort umfasst er meine beiden Arme, die schreien „Halt, Stopp“, ich sage nichts, trete einen Schritt zurück. Corona bedingte Schutzdistanz, eine Maske tragen, scheint für ihn nicht zu gelten „Entschuldigung Madam, für Qualm, meine Frau ist schuld, hat Fleisch und Fisch mariniert.“ „Ich heiße Maria und nicht Madam. Wir sagen du zueinander, okey? Auch ich entschuldige mich, hab erst später daran gedacht, wie peinlich das für deine Gäste und dich war. Aber ihr habt unseren schönen Nachmitttag einfach so zerstört durch den giftigen Rauch, den Lärm und der lauten Musik und mit euren vielen Gästen, das schaffen wir einfach nicht. Wenn ihr demnächst wieder mal groß feiern wollt, dann sagt uns doch bitte zwei Tage vorher Bescheid, damit wir uns darauf einstellen können“. „Okey, abgemacht“. „Wo hast Du eigentlich so gut Deutsch gelernt? Er strahlt mich an. „In Nigeria auf deutscher Missionsschule, dann hier viele Kurse und deutsche Liebe.“ „Taio, ich mag Kinder sehr gerne und freue mich immer, wenn ich sie nebenan höre. Ich verstehe, dass ihr hier gerne Musik aus der Heimat hört und ihr euch mit Freunden treffen wollt, doch alles etwas leiser, bitte!“ Alles klar, ich solle ab jetzt bei zu lauter Musik immer gleich Bescheid sagen.
Beinahe hätte ich jetzt vergessen, von Eckhart und Taio auf dem Parkplatz zu erzählen. Taio war da gar nicht gut auf mich zu sprechen, behauptete, ich hätte gesagt, sie sollen in ihr Land zurückgehen. Das sei Rassismus. Eckhart schlagfertig: „Das ist nicht Rassismus, das ist Schutzissmus.“ Er beruhigt den Nachbarn, betont, so etwas hätte ich bestimmt nicht gesagt und empfiehlt erneut die Anschaffung eines Elektrogrills. Das kann er so gut, mein Eckhart.

Eine Woche danach, noch immer schöne, trockene Tage. Wieder der samstägliche Kaffee auf der Terrasse. Und wieder wird nebenan der Grill angeworfen, wieder kommen viele Gäste. Wieder kommt dichter, toxischer Rauch direkt auf uns zu. Ich schimpfe laut, fliehe in die Wohnung, knalle die Türe zu. Insgeheim höre ich meinen Sohn, in gewaltfreier Kommunikation trainiert, sagen: „Mama, wie kannst Du nur! Seid doch froh, mit den neuen Nachbarn habt ihr jetzt immer Unterhaltung!“ „Muss nicht sein, mein Inneres ist aufregend genug, lieber Sohn!“ Es klingelt. Eckhart öffnet. Ich liege beleidigt auf dem wuchtigen roten Ledersofa.

Taio rauscht wie eine Rakete an meinem Liebsten vorbei, wirft sich augenblicklich vor mir auf die Knie, hält seine gefalteten Hände vors Gesicht: „Entschuldigung, Entschuldigung, Madam.“ „Steh auf, ich ertrage das nicht, ich bin die Maria, wir hatten eine Vereinbarung, du weißt?“ Ich stehe auf, er steht dicht vor mir. „Spontan, spontan, Schwester hat Geburtstag!“ „Wir wollen gut mit euch leben, aber bitte nicht so!“ So rasant er in unsere Wohnung hinein rauschte, so fluchtartig verließ er sie wieder.

Seither wirkt Taio verändert. Eckhart meint, er ist zurückhaltender, ruhiger, erwachsener, was auch mir auffällt. Eckhart kommt von der Arbeit. „Du, da ist eben ein elegant gekleideter Afrikaner in dunkelblauem Anzug mit weißem Hemd und roter Krawatte vor mir die Treppe hoch. Er hatte einen teuren Aktenkoffer dabei und ging zu unseren Nachbarn.
Wir erinnern uns an die vielen Mails aus Afrika, in denen uns dubiose finanzielle Transaktionen angeboten wurden. „Er wird doch nicht etwa?“ Danach verfallen unsere Nachbarn in einen Kaufrausch. Nein, nein, wir liegen nicht auf der Lauer, was die Nachbarn so machen, sondern unser Küchenfenster, darunter die Arbeitsplatte, lässt den Blick auf die Wohnungstür von Taio und Victoria frei. Täglich koche ich frisches Gemüse, jetzt schnipple ich Karotten und Ingwer, stehe am Fenster, sehe, wie die beiden allerlei Einkäufe vor ihrer Türe abstellen: einen Apple Computer, eine Flugdrohne, mehrere Barbiepuppen samt Häusern und Pferden, eine Küchenmaschine, einen Staubsauger und – Hoffnung keimt auf – einen Elektrogrill.

Taio ist außerdem neu eingekleidet, guter Geschmack! Er schmeißt kurz darauf eine Geburtstagsparty für seine Tochter Amahle samt Freundinnen. Leiser geht es zu und keine stinkenden Grillwolken wabern zu uns herüber. Aber die großen Plastikmüllsäcke mit Fisch- und Fleischresten liegen zwei Tage vor ihrer Türe. Flüssigkeit läuft aus, direkt vor unserem Küchenfenster bildet sich eine bräunliche Lache, die Fliegen umschwärmen die Beute.

Auf dem Vordach steht seit Wochen ein Kinder-Swimmingpool, das Regenwasser darin ist der ideale Brutplatz für Mücken. Abends schwärmen sie sirrend aus, machen unserem stillen Genuss bei Rotwein, Kerzenlicht und Sternen am Himmel ein Ende, erzwingen unseren Rückzug in die Wohnung. „Sollen wir schon wieder was sagen, eine Ansage machen, was hier üblich ist und was nicht? Wir, die Ureinwohner?“

© Christine Hoffmann

Christine Hoffmann

Ubuntu, ist eine afrikanische Philosophie, es ist mehr als Religion.
Sie ist eher Weltanschauung, Lebensart, eine Ethik, sie ist Energie in der Mitte von allem, eine Philosophie der Verbundenheit. Das Wort Ubuntu stammt aus der Bantusprache der Zulu und Xhosa und bedeutet „Menschlichkeit“, „Nächstenliebe“ und „Gemeinsinn“, man selbst ist Teil eines Ganzen. Es geht um wechselseitigen Respekt und Anerkennung, Streben nach einer harmonischen und friedlichen Gesellschaft, den Glauben an ein universelles Band des Teilens, das alles Menschliche verbindet. Es geht um die Verantwortung des Individuums innerhalb seiner Gemeinschaft.
Es wäre wundervoll, wenn diese Weltanschauung, diese Ethik des Ubuntu von uns Allen angestrebt und gelebt würde. Davor braucht es Zeit, viele Jahre mit Gesprächen, Diskussionen, Auseinandersetzungen und Vereinbarungen. Politische, institutionelle Bestrebungen für ein gelingendes Miteinander sind unabdingbare Voraussetzungen.

Stammtisch

In Pfützen auf feuchtgrauen Asphaltwegen verlaufen wolkenverhangene Kreise aus Tropfen. Ein Punktmuster zieht über die dunkle Oberfläche des Sees. Das Wirtshaus schmiegt sich verlassen ans Ufer. Vor dem Eingang mit dem Schirmständer steht ein Zwinger, in welchem mit nassem Fell ein Wolf und ein Bär in abgetrennten Abteilen kauern und sich misstrauisch beäugen. Drinnen im kaum besuchten Schankraum huscht eine dunkelhaarige Bedienung zwischen den Tischen umher. Abseits sitzt eine Frau mittleren Alters. Sie trägt eine rote Schlaghose mit weißen Längsstreifen, eine weiße Bluse mit roter Samtjacke und genießt ein Steak. Am Stammtisch in der Ecke kommentiert eine Runde lautstark das eigene Kartenspiel. Ein Mann mit Pelzmütze stößt seinen Nebensitzer am Arm. Jener, mit Goldkette um den Hals, darunter ein weißes T-Shirt geschmückt mit roten Halbmonden, schaut verdutzt auf.

»Wetten, die passt zu dir.« Goldkette schüttelt den Kopf. Pelzmütze steht auf und ruft zu der Speisenden: »Hey Helvetia, magst dich nicht rübersetzen zu uns?« Die Bedienung tritt dazwischen, beschwichtigt ihn mit einer Handgeste und schirmt die Gästin ab, er setzt sich wieder. »Hey Agenor!«, schallt es zum Wirt hinter dem Tresen, »noch ’ne Halbe!« Der Angesprochene beginnt zu zapfen, seine Servicebedienstete stellt ein Tablett an die Getränkeausgabe. Ihre Finger trommeln auf dem Holz der Theke. Ihr Blick gleitet durch die geöffnete Schiebetür des Nebenraums zur Terrasse, auf welcher abgedeckte Stühle und Schirme sich vorsaisonlich aneinanderdrängen. Der Wirt fragt:
»Tochter, hast du das 15 Uhr Kaffeekränzchen eingedeckt?«
»Den Trauerfall? Ja doch …« Jemand schiebt die Vorhänge am Eingang auseinander, zwei ältere Damen treten ein, klopfen sich Regentropfen von den Schultern und gegenseitig vom Rücken. Durchs Fenster dringt ein Krähen. Draußen auf einem Sprenkel sitzen ein Adler und ein Hahn. Die Dame in blauer Hose mit rotem Sakko steuert den Tresen an. Ihre Begleitung in schwarzem Kostüm über roter Bluse eilt zielsicher in den Nebenraum, dabei mit bestimmter Geste ihren goldenen Schal um den Hals drapierend.
»Bon Jour, s’il vous plait, ich ’abe eine Reservierung auf ›Marianne‹ wo bitte dürfen wir Platz nehmen?« Die Bedienung deutet zum Nebenraum, wo die Dame in Schwarz bereits an dem einzigen eingedeckten Tisch einen Platz mit Seeblick ergattert hat und die Karte studiert. Marianne begibt sich hinüber; Agenor und seine Serviceangestellte lauschen dem Klacken ihrer schweren Arbeitsstiefel auf dem Steinboden. Eine betagte Dame betritt die Lokalität, auf einen Stock gestützt steuert sie zielstrebig zum Tresen, bemerkt die offene Schiebetür und biegt ab. Ihre modische Kleidung, rote Lederstiefelletten, grünes Kostüm über weißer Bluse zieht die Aufmerksamkeit der Stammtischler auf sich, Pfeifen ertönt:
»So wahr ich Michel heiße, wäre ich doch nur ein paar Jahre früher geboren, die hätte ich mir nicht entgehen lassen, was John?« Und er klopft dem Bullen von einem Mann neben ihm kräftig auf die Schulter. Alle lachen auf. Die Dame schüttelt im Weitergehen nur den Kopf, erreicht den Tisch, an dem Marianne tuschelt: »Germania, ich sage nur, die Zeiten ändern sich: ›Soziale Unterschiede dürfen nur im gemeinen Nutzen begründet sein.‹(FN Zweiter Satz des ersten Artikels der Erklärung der Menschenrechte in der franz. Revolution anno 1789FN) Wir müssen uns vorbereiten und ein Konzept zur Eindämmung des neoliberalen Kapitalismus ausarbeiten, bevor die anderen ankommen.«
»Buon giorno le seniore, ich hoffe, ich störe nicht. Wie ich sehe, sind die besten Plätze bereits belegt«. Sie klopft energisch mit ihrem Stock an den Tisch und setzt sich »Aber besser mit Handtüchern Liegestühle am Strand belegen als mit Panzern, das nenne ich zivilisatorischen Fortschritt, nicht wahr Germania?«, spottet die Dame zur Frau in Schwarz, die vernehmlich vor sich hin grummelt »Deine Beatrice könnte auch woanders Urlaub machen, Senora Turrita!«
»’Ört auf zu streiten! Und zu provozieren Roma, das gehört sich nicht. Wir müssen uns einigen, bevor ›SHE‹ kommt. Wo bleibt nur Hispania?«
Da teilt ein Diener den Vorhang der Eingangstür und eine hochgeschossene Schwarzhaarige in gelbem Umhang, darunter ein rotes Flamencokostüm betritt die Szene. Mit lässiger Handbewegung murmelt sie ein »Danke Panza«, der Diener empfiehlt sich mit einem »Donna Hispania«. John Bull und Michel klackt die Kinnlade auf den Tisch aus mallorquinischem Kiefernholz, wie das Kleid vorüber raschelt und die Donna sich in den Nebenraum zu den anderen setzt. Sie zieht einen Fächer und verdreht die Augen. Die Bedienung nimmt die Getränke auf:
»›Auf der Terrasse nur Kännchen‹ stört uns heute nicht«, kommentiert Germania lachend und bestellt sich eine Linzer Torte, worauf auch die anderen zulangen. Als Kaffee und Tee die Tafel zieren, hebt lebhafter Gesprächslärm an, man zieht die Schiebetüre bis auf einen Spalt zu. So verpasst die Runde, wie eine elegante Blondine mit fein geflochtenen Zöpfen eintritt. Sie trägt eine blaue Hose mit gelber Bluse und setzt sich unweit von Pelzmütze und Goldkette. Ihre Wangenknochen verleihen dem Gesicht eine gewisse Strenge, welche die Nase mit einer leicht nach oben auslaufenden Spitze abmildert. Sofort treffen sie die begehrlichen Blicke der Stammtischrunde. Die Bedienung öffnet die Schiebetür und bedeutet der Blondine, sie möge ins Nebenzimmer wechseln. Gerade als jene sich erheben will, fasst eine Hand von drinnen das Holz und schiebt den Spalt zu:
»Wir würden gerne ungestört bleiben. Wir haben schließlich reserviert.« Zurück am Tisch, erkundigt sich Germania bei Hispania:
»Na wie läuft’s den so? Die Schwarzhaarige winkt genervt ab. Verständnisvoll tätschelt ihr Italia die Hand: »Amore?« Hispania seufzt und klagt über ihren Liebhaber Don Q., bis ihr Tränen in die Augen steigen.
»Und dazu der Wassermangel, aber überall greift er Pumpenhäuser an, bemüht die Gerichte, sie verschandelten die Landschaft. Mit diesem Umweltaktivisten ist es mir, ich sei die Dulcinea von Toboso.«
»Wir haben eine lange Liste, darum kümmern wir uns später« will Marianne die Gesellschaft auf Linie bringen, »Lasst und anfangen!«
»Hibernia und Caledonia sind sich wohl zu schade«, kommentiert Germania die leeren Plätze.
»Die spielen bei der EM in einer Gruppe!«, lacht Turrita laut auf. Marianne pocht trocken auf ihre Agenda, ihr Team gewänne ohnehin, da die Azurra ja mit Abwesenheit glänze, um dann unvermittelt einzusteigen:
»Die Frontex Pushbacks müssen aufhören. Wie lässt sich das am besten bewerkstelligen, irgendwelche Vorschläge?« Hinter ihrem Fächer kichert Hispania ›Fron-Text…‹, Italia drückt mit ihrem Stock den Wedel hinab:
»Das ist nicht witzig, wie du wohl jüngst gemerkt hast!« Germania mantelt sich auf:
»Also ich finde, wir sollten zuerst beraten, wie wir das Thema Belarus und Nawalny unter dem Hintergrund der Sanktionen angehen, insbesondere unter Berücksichtigung von Nordstream-2. Es fehlte noch, dass ohne Erdgaspipeline mein Volk im Kalten säße. Hier ist es übrigens ziemlich kühl, findet ihr nicht auch?« Das Telefon der Turrita klingelt: »Pronto?« Eine geordnete Diskussion wandert ins Reich der Unmöglichkeit ab: alle zücken ihr Smartphones und checken Email und Social Media Accounts.
»Hast das Posting der Katalania gesehen?«, echauffiert sich Hispania, »ich hab ja echt Bammel, dass die sich mit der Caledonia kurzschließen.«
»Ein Europa der Regionen, das fehlte noch«, schmatzt Marianne mit einem Stück Madeline im Mund. »Auf nichts vermag man sich noch verlassen, nicht einmal auf die eigenen Erinnerungen.«
»Wann kommt eigentlich die Eingeladene?«, fragt Turrita. Just ertönt das Brüllen eines Löwen, alle zucken zusammen. Auf den Gesichtern breitet sich Sorge um ihre Liebsten draußen aus, sich vorstellend, wie der Löwe in den letzten freien Zwinger gesperrt wird. Eine Hand reißt den Vorhang auf. Eine elegante Frau mittleren Alters stellt energisch ihren Parapluie in den Schirmständer. Dann klopft sie sich den blauen Hosenanzug ab, unter dem sie über weißer Bluse ein rotes Accessoiretuch trägt. Sie ordnet ihre hochgesteckten kastanienbraunen Haare und begibt sich zur Versammlung im Nebenraum, nickt lächelnd ins Kaffeekränzchen und setzt sich.
»Gerade sprachen wir von dir Britannia«, begrüßt sie Hispania. Ein freundliches Lächeln antwortet »Thanks my dear, hopefully only as trustworthy.«
»Ich hasse diesen britischen Humor« stöhnt Marianne, gleichwohl ist die Neugekommene in die Kuchenkarte vertieft.
»OMG, wo sind nur die Orangenkekse?«, was die Versammelten zum Anlass nehmen, eine weitere Runde zu ordern. Marianne bestellt nach zahlreichem Kuchen und Gebäck zusätzlich einen Armagnac, was Italia dazu bewegt schnell einen Grappa auf der Liste zu platzieren. Was wiederum Hispania zum Calvados verführt und Germania ein »Bringen sie mir einfach einen Digestiv« abnötigt. Die Bedienung serviert dazu Tee für die Neuangekommene:
»MIF or TIF?«
»Oh Dear, how pleasant, TIF please.« Als alle versorgt sind, bricht eine hitzige Debatte aus:
»Mir hingegen scheint es wichtiger über unsere Verteidigungsausgaben zu sprechen: Können wir über 200 Milliarden Euro jährlich überhaupt verantworten angesichts von weltweit 3.5 Millionen verhungerter Kinder?«
»Ich denke schon, aber die Umweltverschmutzung, die Erderwärmung scheinen mir wichtiger zu besprechen.«
»Jedoch, wenn wir die Überbevölkerung adressieren, lösen wir mehrere der Probleme vorab, nicht wahr?« Aus dem Schankraum tönt Tumult herüber, allein man lässt sich nicht stören.
»Bleibt nur die Ausbeutung der Rohstoffe, das Kobalt im Kongo für unsere Unterhaltungselektronik, der Wettlauf gegenüber China. Afrika und so.«
»Ausbeutung pah!«
»Ne, ne, der neoliberale Kapitalismus muss langfristig als Wirtschaftsform reformiert werden, das pfeifen ja sogar die Spatzen von den Dächern!«
»Hä?« Ein kurzes Schweigen ergreift die Runde, was Britannia nutzt:
»Indeed, der Seperatismus, Caledonia, Hisperia sind ein Problem. Wir können nicht alles lösen, und dann ist da noch der Mexit.« Marianne und Germania schnauben, Hispania nickt verständnisvoll und beginnt zu plaudern:
»Ich schaue immer gerne fern zur Ablenkung, meist Serien!« Britannia lächelt und steckt den Kopf zur Nachbarin: »My Dear, me too. Ich mag am liebsten Fantasy, da kann man so gut abschalten.«
»Ach ja?«, ärgert sich Marianne und Germania setzt wütend hinzu: »So wie Game of Thrones etwa?«
»Of course my dear, nur den Handlungsteil mit den Wildlingen, that’s not my cup of tea«, und sie nimmt einen Schluck.
»Ist ja typisch«, schimpft Germania weiter, wirft den goldenen Schal nach hinten über die Schulter und sich selbst in Pose: »Ist dir wohl zu politisch, weil es zu sehr an Flüchtlinge erinnert? Aber die unmotivierten Sex- und Gewaltszenen, da kannste abschalten, wa? Rose War forever!« Sie kippt energisch den vierten Mirabellenschnaps hinunter, Marianne prostet mit Italia, man schwankt bereits im Sitzen, erste Kaffeetassen kommen zu Fall. Britannia schweigt über ihrem Teller. Der Lärm vorne schwillt an, Rufe mischen sich darunter. Allein die Runde argumentiert munter weiter und bemerkt nicht einmal, dass bereits Atemwölkchen wie Sprechblasen in der Luft schweben. Mit einem Löffelkatapult schießt Marianne zur Auflockerung kleine braune Schokokügelchen über einen Ärmelkanal aus Kaffee auf Britannia und kichert dazu. Die Beschossene lehnt sich zurück, bedacht auf die Verteidigung ihrer Anmut.

Germania hievt mit der Gabel den Rest ihres Windbeutels auf den Löffel, zielt auf die Dame in Blau, feuert und – verfehlt ihr Ziel: Wie ob von einer dicken Berta abgefeuert übersteigt die Reichweite jedwede Erwartung, die Parabel des Windbeutelflugs neigt sich und Italia Turrita schreit entrüstet auf. Der Skandal nimmt seinen Lauf: Geschosse, absichtlich verschüttete Tassen abgestandenen Kaffees verunzieren Kleidung und Gesichter, Furor teutonicus regiert und Aufschreie der Empörung schwellen an, da klatscht die Schiebetür mit lautem Knall auf:
Die Serviceangestellte brüllt derart vehement »Ruhe«, dass die sofortige Einstellung jedweder Feindhandlung erfolgt. In die Waffenruhe hinein entrüstet sich die Bedienung: »Meine Damen wie können sie nur? Bitte verlassen sie unser Haus und kommen sie nicht wieder!« Entsetzt sehen sich die Schlachtenkämpferinnen an, reinigen sich mit gesengten Köpfen notdürftig mittels teils verschmutzer Servietten, sammeln ihre Habseligkeit zum Aufbruch zusammen.
»Unverschämtheit«, entrüstet sich Germania, »aber hier ist es sowie so zu ungemütlich, seit ihr die Heizung runtergedreht habt. Da verschwinden wir gerne!« Einzig Britannia bewahrt die Fassung, putzt sich so würdevoll als möglich und fragt:
»Wer seid ihr, euch ein Lokalverbot zu erdreisten?«
»Die Tochter des Wirts! Und wenn ihr es genau wissen wollt, ich heiße Europe«.
»Europe,« beteuert Britannia »ich bin hier nur Opfer dieser…«, sie deutet umher, »Umstände geworden. Ich gehöre nicht mal mehr dazu. Als einzig Nüchterne betrachte ich das Verbot für mich als ungültig und werde mich zu der Dame in rotweiß gesellen, wenn ihr gestattet, my Dear.« Europe winkt ab:
»Der Rest: Raus hier! Bevor ihr keine Regionalverwaltungen anerkennt und die Nationalstaatlichkeit überwindet, braucht ihr euch hier nicht mehr blicken lassen. Lasst euren Lobbyismus zuhause und nehmt eure Viecher mit!« Sie dreht sich um und besorgt sich Putzutensilien. Unsere illustre Runde tritt schweigend den Weg zum Aufbruch an. Im Schankraum windet sich die blaugelb gekleidete Blondine im Arm von Pelzmütze unter der Zudringlichkeit des unerwünschten Verehrers. Britannia straft den Täter mit strengem Blick, die anderen Teilnehmerinnen des Kaffeekränzchens huschen eilig vorbei nach draußen. Gerade hört es auf zu regnen, die Sonne lugt hervor und ein Regenbogen spannt sich über den See. Die Damen erreichen die Zwinger, deren Insassen schütteln sich einträchtig letzte Regentropfen aus Fell und Gefieder. Die vertriebenen Frauchen erreichen den Sprenkel, nehmen die Vögel auf und schreiten von dannen. »Siehst du den Regenbogen?«, kräht der Hahn zum Adler, der den Schnabel senkt und murmelt »Natürlich, das schaffen wir!«

Die zurückbleibenden Tiere springen tumultartig umher, ein Hüpfen, Brüllen, Röhren, umhüllt die Terrasse, auf der sich Britannia gerade an den frisch aufgebauten Tisch mit Helvetia setzt. Der Bär randaliert neben dem Löwen, der Käfig schwankt bedrohlich. Da humpelt ein altes Mütterchen mit einem weißen Kopftuch heran. Die Stimmung beruhigt sich. Die Alte reibt sich die Hände an der roten Schürze, die sie vor ihr blaues Kleid gebunden hat, öffnet leise den Verschluss des Bärenkäfigs und begibt sich ins Lokal.

Je ne suis pas … (Ich bin nicht Theobald Tiger)

Peter Panter hatte seine Schlächter
Schon angekündigt: Er durfte das
Und verschätzte sich nur im Datum

Der Selbstmord der Attentäter stand
Von Anfang an auf seiner Rechnung
Wie die Presse lobend erwähnte

Auch sprach er vorab seine Hüter frei
Die ihn vor sich selbst nicht beschützten
Und verfügte testamentarisch mit Spott

In seinem Namen nur nicht zu sparen

Putin in der Ukrain

Ach, du böser Puhutin, Puhutin,
jetzt bist du drin – in der Ukrain.
So vieles ist hin, so vieles ist hin.

Was für eine Wahl haben wir?
Zwischen dir Wurst und dem Leben[1].
Wir wählen das Leben – eben!

Ach, du böser Puhutin, Puhutin,
jetzt bist du drin – in der Ukrain.
Dein Ruf ist für immer dahin!

Wo man nicht mit dir zusammenkommen kann,
bekommt man deinen Knüppel auf die Rübe
und auf den Rücken deine Hiebe[2].

Ach, du irrer Puhutin,
jetzt bist du drin in der Ukrain.
Du machst einfach alles hin.

Russland vernichtet Terroristen[3].
Warum lässt es dich an der Macht?
Du sprichst wirr, es geht zu Ende mit dir.
Du hast dich selbst in diese Lage gebracht.

Ach, du grauenhafter Verbrecher Puhutin,
jetzt bist du drin in der Ukrain.
Du machst einfach alles hin.

Die Ukraine ist ein unabhängiger, souveräner Staat
und wird seinen eigenen Weg zu Sicherheit und Frieden wählen[4],
aber vorher muss ich sie noch mit Bomben und Raketen quälen.

Ach, du Teufel Puhutin, Puhutin,
jetzt bist du drin – in der Ukrain.
Alles machst du hin, alles machst du hin.
Wo ist da der Sinn, wo ist da der Sinn?

Die Hölle sende dir zum Gruß
Belzebubs typischen Pferdefuß



[1] Die verwendeten Putin-Zitate sind der Webseite https://beruhmte-zitate.de/autoren/wladimir-wladimirowitsch-putin/ entnommen. Die Zitate wurden von mir ergänzt bzw. verfremdet.
[2] Dto.
[3] Dto.
[4] Dto.

Peter Wurzer

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Link zur AutorInnen-Website: https://peterwurzer.jimdofree.com/

Europa am Scheideweg

Die nachfolgenden Gedanken zur Entwicklung Europas habe ich vor dem 24.02.22 niedergeschrieben, also vor dem Einmarsch von Putins Truppen in die Ukraine. Was dann folgte, hat viele genau so überrascht wie der von Putin vom Zaun gebrochene Krieg: Europa und die NATO waren sich auf einmal so einig wie schon lange nicht mehr. Diese spontane Einigkeit wird aber wieder vorübergehen, sobald der Krieg im Osten kein heißer mehr ist, denn zu tief sind die Gräben in der Europäischen Union und zu verwurzelt die nationalen Egoismen. Auch die „Zeitenwende“, die Kanzler Scholz ausgerufen hat, war mehr heiße Luft als reale Politik.

Gezeigt hat sich das im Verhalten Deutschlands bei den versprochenen Lieferungen von Panzern. Geliefert wird erst mal gar nicht, sondern verzögert, wo und wie es nur geht. Geliefert werden auch nicht die Panzer, die die Ukraine für ihren Kampf gegen Putins Armee des Grauens bräuchte, sondern ausgemusterte „Gepards“, für die es keine Munition mehr gibt. Das als Hilfe für die Ukraine zu deklarieren ist kaum besser als das russische „Neusprech“ der Putin-Propaganda, nach der Russland nicht in die Ukraine einmarschiert ist und auch nie zivile Einrichtungen dort beschossen hat.

Man sieht also, selbst in der Einigkeit, dass man dem Kriegsverbrecher Putin etwas entgegensetzen muss, gibt es schon wieder Uneinigkeit bei den Europäern, sodass ich meinen ursprünglichen Text belassen kann, wie er ist.

Denk ich an Europa in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht, möchte man am liebsten Heinrich Heines Nachtgedanken in Analogie zitieren.

Die wunderbare Idee vom vereinten Europa geht mehr und mehr unter in den Wogen und Wellen der nationalen Interessen der einzelnen Staaten. England hat sich schon verabschiedet aus der Staatenfamilie der Europäischen Union. Ungarn und Polen, die es mit den Grundsätzen der Demokratie nicht besonders genau nehmen, kokettieren mit Austrittsdrohungen, wenn sich die EU weiterhin in sog. innerstaatliche Belange einmischen sollte. Norwegens Bevölkerung hat sich bereits zweimal gegen einen Beitritt entschieden, weil man den Verlust nationaler Souveränität befürchtet und mehr noch die Tatsache, dass man als reiches Land für die weniger gut gestellten Länder des Südens Europas finanziell aufkommen müsste. Selbst in Deutschland, das vom europäischen Staatenverbund trotz seiner chronischen Nettozahlerrolle wohl mit am meisten profitiert, macht sich, so scheint es mir, eine gewisse Europaverdrossenheit breit. Woher kommt diese Skepsis, dieses Misstrauen gegenüber einem geeinten Europa?

An erster Stelle sehe ich die viel zu kompliziert angelegte politische Struktur der Europäischen Union. Wer, außer vielleicht Politologen, kennt schon den Unterschied zwischen dem Europäischen Rat, dem Rat der Europäischen Union und der Europäischen Kommission?  Dann gibt es ja auch noch das Europaparlament mit verschiedenen Standorten in Straßburg und Brüssel. Warum geht aus dem Parlament nicht eine Europaregierung hervor? Wer ist die Regierung eigentlich? Ist es die Europäische Kommission oder der Europäische Rat? Für die meisten Bürger Europas ist diese Konstruktion nicht durchschaubar, nicht nachvollziehbar und damit fremd. Kurzum, Europa ist für den eigentlichen Souverän der Demokratie, den Bürger, viel zu kompliziert, zu intransparent. Aber gerade Transparenz, Durchschaubarkeit, Nachvollziehbarkeit politischer Entscheidungen gehören zum Wesenskern einer Demokratie.

An zweiter Stelle kommt für mich die permanente Desavouierung der EU durch nationale Politikerinnen und Politiker. Wenn etwas im nationalen Umfeld nicht rund läuft, schiebt man die Schuld dafür gern auf Brüssel. In Deutschland geht das sogar so weit, dass man Politiker, die man auf nationaler Ebene nicht mehr brauchen kann, nach Europa weglobt, wegschiebt oder wie immer man das auch nennen möchte. So hat man beispielsweise den CSU-Politiker Edmund Stoiber nach Brüssel geschickt, damit er mit seinem Fachwissen die Bürokratie eindämmen möge. Hand aufs Herz, haben Sie auch nur das Geringste gemerkt, dass da ein Mann für viel Geld einen Job gemacht hat? Ein weiteres Beispiel möchte ich anfügen: Ursula von der Leyen. Als Ministerin der Bundesregierung sehr umstritten, spült das politische Ränkespiel sie plötzlich als Präsidentin der Europäischen Kommission nach oben. Es gäbe noch viele weitere Beispiele, die geeignet wären, aufzuzeigen, warum und wie die Politik der einzelnen Nationalstaaten Europa mies macht, obwohl doch offiziell ein gemeinsames Europa das Ziel ist.

Drittens ist meines Erachtens die Europäische Union zu aufgebläht. Momentan tummeln sich 27 Einzelstaaten auf dem politischen Feld der EU. Es ist unschwer nachzuvollziehen, dass es komplizierter ist, 27 Staaten auf einen Nenner zu bringen als etwa die sechs Kernstaaten der ehemaligen EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft). Ich denke, der richtige Weg zu einem geeinten Europa wäre der gewesen, dass ein Kern von Staaten, die wirklich ein geeintes Europa wollen, was auch bedeutet, dass nationale Souveränität abgegeben wird, sich zusammentun hätten müssen und sozusagen das vereinte Europa hätten vormachen müssen. Andere Staaten hätten sich dann sukzessive anschließen können. Wir wissen, das ist nicht geschehen. Wirtschaftlich gesehen, hat man die Staaten Europas miteinander eng vernetzt, aber die politische Vernetzung hinkt weit hinterher und momentan driftet Europa politisch eher auseinander als dass man sich näherkommen würde. Das hängt auch mit der großen Zahl der Staaten zusammen, die in die EU aufgenommen wurden.

Die Lösung des Dilemmas, so wie ich es sehe, ist ein „Europa der zwei Geschwindigkeiten“ sein, d. h. dass die integrationswilligen Länder vorangehen und ein politisch geeintes Kerneuropa bilden, dem sich die anderen europäischen Staaten, dann sukzessive anschließen, wenn die Voraussetzungen das zulassen.

Gelingt das nicht, sehe ich tatsächlich schwarz für Europa, denn es gibt eine Reihe von Kräften, denen es lieber ist, Europa zerstritten, zersplittert und damit machtlos auf der politischen Weltbühne zu sehen.

Peter Wurzer

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In Vielfalt geeint

Freiheit
Leuchtend gelber Schmetterling, Du fliegst empor zum blauen Dach der Welt.
Die Freiheit ist Dir eigen, stolz trägst Du sie zur Schau.
Gefühltes Glück, Dir mit dem Blick zu folgen.

Natur
Dichtes Blätterkleid in dunklem Grün, fester Stand mit tiefen Wurzeln.
Fürsorglich bist Du das Fundament für unseren nächsten Atemzug.
Demütiger Dank für Dein Tagwerk und für das all Deiner Nachbarn.

Frieden
Ganz selbstverständlich ausbedungen und doch fragil im Wesen.
Der Diplomatie höchste Kunst. Ob, wann und wie lange ist offen.
Wunsch und Wunde zugleich.
Herzschlag Europas für eine menschliche Zukunft.

Jugend
Gesang, Gelächter und Geselligkeit. Ein lauer Sommerabend in der Stadt.
Junge Menschen, in Vielfalt geeint.
Bürger Europas für ein buntes Straßenbild.
Vision, Verwirklichung, Vertrauen.

Carmen Martinez von Bülow